Gastkommentar

Mit Austritt aus der WHO stärkt Trump China

Ein Gegner der WHO: US-Präsident Donald Trump.

Ein Gegner der WHO: US-Präsident Donald Trump.

US-Präsident Trump hat seine Drohung wahr gemacht und die USA sind aus der WHO ausgetreten. Was eine Schwächung sein sollte, verleiht China aber Aufwind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Idee, die bei der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen 1945 in San Francisco entstand. Den Verfassungstext verabschiedeten die Gründungsstaaten unter Federführung der USA ein Jahr später in New York. Bis zum Schluss waren die USA mit Abstand der grösste Beitragszahler. Nun hat US-Präsident Donald Trump seine Drohungen wahr gemacht und den Austritt seines Landes aus der WHO eingereicht.

Die Schuld für die Coronapandemie gibt Trump China. Die chinesischen Behörden hätten durch ihr Vertuschen überhaupt erst zur weltweiten Ausbreitung beigetragen. Der WHO wirft Trump vor, zu spät über die Gefahren des Coronavirus informiert zu haben und stattdessen China allzu sehr über den grünen Klee gelobt zu haben. Daher nun der Austritt.

Dass Trump das Virus noch zu einer Zeit verharmloste und es nicht nötig hielt, zu handeln, als die schlimmen Bilder der Covid-19-Erkrankten in Wuhan und Bergamo längst auf allen Kanälen zu sehen waren, erwähnt er mit keiner Silbe. Diese Ignoranz hat verheerende Folgen für sein Land. Mit über 3 Millionen Infizierten und 130000 Toten sind die USA mit Abstand die am schlimmsten betroffene Nation, derzeit kommen täglich rund 50000 Infizierte hinzu.

Die Reaktionen Chinas auf den Austritt? Vordergründig kritisiert die chinesische Führung das Vorgehen Washingtons scharf: «Wir fordern die USA nachdrücklich auf, ihre internationalen Verpflichtungen zu erfüllen und das Verantwortungsbewusstsein eines grossen Landes zu demonstrieren», wetterte Zhao Lijian, Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. Er betonte, welche «unverzichtbare zentrale Koordinierungsrolle» die WHO als massgeblichste internationale Organisation im Bereich der globalen öffentlichen Gesundheit bei der Reaktion auf die globale Coronavirus-Pandemie spiele.

Hinter den Kulissen kommt der chinesischen Führung Trumps Vorgehen aber durchaus gelegen. Denn damit wächst Chinas Einfluss nicht nur innerhalb der WHO, sondern insgesamt auf der Welt. Und Peking könnte es gelingen, Taiwan noch mehr unter Druck zu setzen.

Zwar ist – oder viel mehr: waren – die USA der grösste Beitragszahler der WHO. 116 Millionen US-Dollar hat Washington zuletzt an die Zentrale in Genf überwiesen. Diese Summe fällt für die WHO nun mit dem US-Austritt ab dem kommenden Jahr weg. Für China ist es ein Leichtes, diese Lücke zu füllen. 50 Millionen Dollar hat Peking bereits im Frühjahr zusätzlich zu seinem Beitrag zugesichert. Um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen und die Gesundheitssysteme weltweit zu unterstützen, heisst es. In vielen Entwicklungsländern dürfte das gut ankommen. Das Vorgehen der USA würde «den Kampf gegen das Virus untergraben und insbesondere Entwicklungsländer, die dringend internationale Unterstützung benötigen, ernsthaft negativ beeinflussen», greift der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums diesen Aspekt entsprechend auf.

Trumps Austritt seines Landes aus der WHO kommt jedoch auch Pekings aggressiver Taiwan-Politik zugute. Die chinesische Führung betrachtet die vorgelagerte Insel als Teil ihres Territoriums. De facto ist Taiwan seit Jahrzehnten aber ein souveräner Staat – und wird zudem demokratisch regiert. Der autoritären Führung in Peking ist das ein Dorn im Auge. Auf ihr Betreiben hat Taiwan seit 2017 nicht einmal mehr einen Beobachtungsstatus. Dabei war Taiwan das erste Land, das zu Beginn des Jahres überhaupt auf die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen Coronavirus hingewiesen hatte und entsprechend die WHO informierte. Pekings weiter wachsender Einfluss dürfte dazu führen, dass Taiwan noch mehr geschnitten wird.

Immerhin: Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und der Aussenbeauftragte Josep Borrel haben zugesagt, die WHO im Kampf gegen die Pandemie weiter zu unterstützen, und wollen ebenfalls rund 50 Millionen Dollar zusätzlich beisteuern. Eine wichtige Investition, die sich auszahlen könnte, um Pekings wachsenden Einfluss in internationalen Organisationen zu stoppen.

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