«Ich schäme mich», sagt der deutsche Kardinal Reinhard Marx im Dom zu Fulda. Es war der Moment, in dem das Grauen, das ein 365 Seiten langer Bericht über Missbrauch in der Katholischen Kirche Deutschlands offenbart, zu einem Gefühl wurde. Ein harter Satz. Aber er reicht nicht. Ein anderer, wichtiger Satz fehlt: «Ich übernehme Verantwortung.»

Einige Fakten liegen zwar nun auf dem Tisch. 1670 Kleriker haben laut Studie über Jahrzehnte 3677 junge Menschen sexuell missbraucht, die meisten jünger als 14 Jahre. In der Sprache der Politik nennt man so etwas ein Unrechtsregime. Wie nennt man es in der Kirche? Das ist bislang unklar, denn unklar ist auch, ob tatsächlich alle Fakten auf dem Tisch liegen. Die wichtige Studie der Wissenschafter der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Giessen arbeitet nämlich mit vielen Leerstellen im vermeintlichen Aufklärungsprozess. Die verantworten nicht die Wissenschafter, sondern die Kirchenoberen. Sie weigern sich bis heute, unabhängigen Experten Zugang zu ihren Archiven und Daten zu geben. Aufklärung entsteht nur dort, wo unabhängige Beobachter ungehindert Zugang zu allen Dokumenten haben.

«Es werde Licht», diesen Schöpfungssatz des Alten Testaments hätten die Kleriker ernst nehmen und mit Leben füllen können. Aber das wollten sie nicht. Was in den vergangenen Jahrzehnten international in der Katholischen Kirche geschehen ist, darf man als systemischen Missbrauch bezeichnen. Wie immer die unterschiedlichen Einflussfaktoren auch zusammenwirken – Unreife mancher Priester, ein gequälter und anachronistischer Umgang mit Sexualität, vor allem aber der Hierarchie- und Machtanspruch einer autoritären Institution –, sie haben ein Unrechtssystem geschaffen, das sich bis heute nahezu jeder Kontrolle entzieht. Es bleibt Sache der Bistümer, den Experten nach eigenem Gutdünken Unterlagen herauszugeben oder gar Akten zu vernichten. Schon 2002 hatte sich die Katholische Kirche Regeln zum Umgang mit sexuellem Missbrauch gegeben.

Die nun vorliegende Studie zeigt leider auch: Geholfen haben sie wenig. Vielmehr mussten die Forscher sich vertraglich verpflichten, nicht über einzelne Bistümer zu sprechen. Selbstschutz der Institution geht also vor Opferschutz. So versagt jede Selbstkontrolle.

Wo aber Selbstkontrolle versagt, muss eine institutionelle Governance her. Für die Kirche bedeutet dies an erster Stelle: endlich Akteneinsicht für die vielen Opfer des Missbrauchs zu schaffen. Aber auch Zugang externer Experten zu allen Daten und Archiven. Und endlich ein staatlich abgesichertes Entschädigungssystem für die Opfer. Der Staat hätte ein wirksames Druckmittel, diese Forderungen umzusetzen. In einer Zeit, in der Staat und Kirche sauber getrennt gehören, treiben Staat und Kantone weiter die Kirchensteuer ein. Diese Tatsache könnte man als Druckmittel zugunsten echter Aufklärung und Opferentschädigung einsetzen.

Besonders die Parteien mit dem grossen C im Namen müssten daran ein grosses Interesse haben. Sie sind einem christlichen Menschenbild verpflichtet. Also der Erkenntnis, dass der Mensch als sittliches Subjekt in der Lage ist, in freier Entscheidung selbstbestimmt zu handeln und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu treffen. Sein Tun und Lassen ist ihm zuzurechnen. Bei der Pressekonferenz gefragt, ob einer der 60 Bischöfe und Weihbischöfe aus persönlicher Verantwortung zurücktreten werde, antwortete Kardinal Marx übrigens: «Nein.»