Jüngst nahm ich an einem Podiums- und Diskussionsanlass in Zürich teil. Eine junge Forscherin von Avenir Suisse stellte die Idee eines allgemeinen Bürgerdienstes vor, den die Denkfabrik vor einiger Zeit lanciert hat. Ein solcher Dienst von einem Jahr für alle Schweizerinnen und Schweizer sowie niedergelassenen Ausländer könnte die Wehrpflicht der jungen Männer (heute eine Pflicht mit grossen Schlupflöchern) ersetzen. Er könnte in der Armee absolviert werden, aber auch in Betreuungs- und Pflegediensten, im Zivilschutz und der Feuerwehr – oder mit der Übernahme eines politischen Milizamtes.

Ausgangspunkt für den Vorschlag war ebendieser Milizgedanke. Er fusst auf der republikanischen Vorstellung, dass jede Bürgerin, jeder Bürger, der dazu in der Lage ist, neben- oder ehrenamtliche Aufgaben für die Öffentlichkeit, für den Staat übernehmen sollte, als Dienst an der Gemeinschaft, die wir alle bilden und von der wir letztlich in mannigfacher Weise profitieren.

Das Milizsystem ist wegen mangelnder Teilnahme bedroht

«Der Sonderfall Schweiz basiert auf dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger, wir sind sozusagen eine Laien-Republik.» So hören und sagen wir es gerne. Indes, man braucht nicht Kulturpessimist zu sein, um zu diagnostizieren: Der hehre Grundsatz befindet sich gerade in einer ziemlichen Krise. Der Staatsbürger droht zum Staatskunden zu werden. Der freiwillige Dienst an der Gemeinschaft rangiert weit hinter der Selbstverwirklichung, dem beruflichen Vorwärtsstrampeln und dem Freizeitvergnügen. Der Satz «Niemand will mehr dienen» stimmt zwar nicht: Im privaten Bereich, zum Beispiel zugunsten betagter Angehöriger, wird viel gedient. Aber im öffentlichen Bereich harzt es. Spannend am Avenir-Suisse-Ansatz ist die Verlinkung verschiedener Aspekte: der fehlenden Geschlechter-Gerechtigkeit bei der Wehrpflicht, den Bestandesproblemen in Vereinen und Institutionen – und den Nachwuchssorgen in politischen Parteien und bei der Besetzung von Ämtern in Milizbehörden. Natürlich hängt das alles auch mit den gestiegenen Ansprüchen im Arbeitsleben zusammen: Man mag sich, ermattet, nicht auch noch freiwillig und gemeinnützig engagieren. Ebenfalls eine Rolle spielt, gerade im politischen Bereich, die gesunkene Wertschätzung: Als Miliz-Gemeinderat genoss man früher Ansehen, heute wird man vor allem angepfiffen. «Wenn die Existenzgrundlagen des Milizsystems in Gefahr sind, könnte eine allgemeine Dienstpflicht das Steuer herumreissen», gab sich die Avenir-Suisse-Forscherin überzeugt.

Natürlich schlug nach ihrem Referat wieder die Stunde der Bedenkenträger: Man könne nicht alle Menschen zu einem Dienst am Staat verpflichten, das sei Zwangsarbeit und diese sei gemäss Menschenrechtsverordnung verboten, wurde etwa gesagt. Oder: Man könne den Dienst in der Armee nicht in eine Reihe mit anderen, einfacheren (stimmt das?) Diensten stellen, sonst liefen dem Militär alle jungen Leute mit Ausnahme von ein paar Rambos davon. Diese Fragen sind berechtigt. Aber sie sollten nicht dazu führen, die Debatte abzuwürgen, bevor sie richtig lanciert worden ist. Der Avenir-Suisse-Vorschlag liegt jetzt doch schon eine ganze Weile auf dem Tisch und er ist im Ansatz prüfenswert. In der öffentlichen Debatte aber fristet er eher ein Randdasein.

Plädoyer für eine Politik der zwei Geschwindigkeiten

Überhaupt – das stört mich nicht nur beim hier erörterten Thema: Die politische Debatte in diesem Land hat etwas Hektisches, Aufgeregtes an sich. Geschuldet ist dies dem Agieren in Legislaturperioden: Politiker und Parteien denken bei ihrem Reden und Handeln vor allem an die nächsten Wahlen: Was bringt es mir? Wie könnten wir den Wähleranteil erhöhen? Und so geschieht es eben, dass Grundsatzfragen, die tiefer loten, die ein Langfristdenken erfordern, die vielleicht etwas unangenehm sind, immer wieder an den Rand gedrängt werden. Denkfabriken aber haben genau diese Aufgabe: Anregungen für Langfrist-Veränderungen einzubringen. Avenir Suisse kennt ja durchaus Einstiegskanäle ins Innere des Bundeshauses. Trotzdem hat man das Gefühl: Die Vorschläge werden zuerst in der Luft zerrissen und dann in eine untere Schublade gelegt. Wir bräuchten wieder vermehrt eine Politik der zwei Geschwindigkeiten: hier die aktuelle Tagespolitik, dort das Grundsätzliche, das Vertiefende, das Öffnen des Fächers. Und dann die Verlinkung zwischen beidem. Vernachlässigen wir das Zweite, sind wir für die «Avenir» der «Suisse» zu wenig gerüstet.

Hans Fahrländer arbeitete von 1979 bis 2015 in verschiedenen Funktionen für diese Zeitung, unter anderem als Chefredaktor. Heute kommentiert er das nationale und regionale Geschehen. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.