Vielleicht ist nichts so schwierig im Leben wie eine Trennung. Vor allem, wenn sie plötzlich und nicht freiwillig geschieht. Abschied nehmen tut weh. Es bleiben verletzte Gefühle zurück. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat eine Woche der Abschiede hinter sich. Am Montag erfährt der langjährige Leader Valon Behrami von Trainer Vladimir Petkovic am Telefon, dass er keine Zukunft mehr hat als Nationalspieler. Er wendet sich voller Schmerz an die Öffentlichkeit. Am Freitag tritt der Generalsekretär Alex Miescher zurück. Der Druck auf ihn ist nach Wochen des Chaos und der Irritationen zu gross geworden.

Der Bruch zwischen Miescher und dem Nationalteam war nicht mehr zu kitten. Ausgelöst hat das Miescher selbst. Mit einem Interview nach dem WM-Achtelfinal-Out gegen Schweden (0:1), in dem er fragte: «Soll die Schweiz in Zukunft noch auf Doppelbürger setzen?» Damit hat er viele Nationalspieler brüskiert, er hat unzählige Menschen mit mehr als einem Pass, die in der Schweiz leben und das Land positiv prägen, vor den Kopf gestossen.

Und er hat auch die Arbeit diskreditiert, für die sich der Schweizer Fussballverband gerne rühmt: nämlich in Sachen Integration ein Vorbild zu sein. Granit Xhaka sprach im Nachgang von «Steinzeitkommentaren». Am Montag griff auch Behrami Miescher frontal an. Vielleicht ist Miescher in dieser Woche zur Erkenntnis gekommen, dass eine weitere Zusammenarbeit kaum mehr möglich wäre. Sehr wahrscheinlich aber hat auch der Schweizer Fussballverband etwas nachgeholfen. Indem er Miescher vor die Wahl stellte, entweder von selbst zu gehen und damit sein Gesicht noch einigermassen wahren zu können. Oder ihn andernfalls seines Amtes zu entheben.

Petkovics fehlendes Bewusstsein

Der Rücktritt von Alex Miescher ist ein erster Befreiungsschlag. Doch der Schweizer Fussballverband würde einen gravierenden Fehler begehen, nun zu denken, damit seien alle Irritationen vom Tisch. Es braucht eine detaillierte Klärung und Aufarbeitung der letzten Wochen. Die Chefs sind gefordert. Eine gehörige Portion Selbstkritik würde nicht schaden.

Peter Gilliéron ist der Präsident des Schweizer Fussballverbands. Er hat zugelassen, dass Miescher das Thema «Doppelbürger» überhaupt ansprach. Darum trägt auch er eine Mitverantwortung am Schlamassel. 2019 endet seine fünfte Amtszeit, zehn Jahre wird er dann schon Präsident sein. Wer sich nach ein bisschen frischem Wind sehnt, ist in dieser Hoffnung nicht alleine.

Kommen wir zum Nationaltrainer. Vladimir Petkovic ist in den nächsten Wochen besonders gefordert. Er muss Verantwortung übernehmen, vermitteln – und dabei auch die Öffentlichkeit mit ins Boot holen. Sein Versteck-Spiel sollte endlich ein Ende nehmen. Seit dem WM-Aus ist er abgetaucht. Ihm ist auch vier Jahre nach seiner Amtsübernahme nicht bewusst, dass eine Fussball-Nationalmannschaft mehr als ein gewöhnliches Team ist. Sie ist ein Stück Identität für die Schweiz. Dazu kommt: Der Nationaltrainer ist der wichtigste Botschafter des Schweizer Sports. Dieser muss sicht- und spürbar sein.

Dass ein verdienter Spieler wie Valon Behrami seinen Abschied gekränkt via Medien verkündet, fällt auf Petkovic zurück. Der Trainer hat es nicht geschafft, einen grundsätzlich nachvollziehbaren Umbruch so zu moderieren, dass die langjährigen Leader ihre verdiente Wertschätzung erhalten. Das ist betrüblich. Mit einer offensiveren Art der Kommunikation könnte Petkovic dazu beitragen, dass die Selbstzerfleischung aufhört. Tut er es nicht, gefährdet er seine eigene Position. Der «Blick» hat schon einmal zu seiner rund um das Nationalteam lange vermissten Schärfe zurückgefunden («Herr Petkovic, treten Sie ab!»). Der Gegenwind nimmt zu. Dass das Vertrauen der Nationalspieler in Petkovic zunehmend schwindet, weil er es nicht schafft, das Team in den entscheidenden Momenten richtig einzustellen, ist ein weiteres Problem, das er in den nächsten Zyklus hineinträgt. Die Zeit der Schonfrist ist vorbei. Bis zum Beginn der EM-Qualifikation im März 2019 müssen die negativen Zwischentöne verschwinden, sonst muss auch Petkovic den Weg frei machen für einen Neustart.

Im November 2017 qualifiziert sich die Schweiz in der Barrage gegen Nordirland für die WM. Das Rückspiel in Basel wird überschattet von Pfiffen gegen den Stürmer Haris Seferovic. Es ist abermals der Beweis, wie kompliziert das Verhältnis des Publikums mit dieser Mannschaft zuweilen ist. Die Liebe ist nicht bedingungslos. Es braucht wenig, bis die Emotionen entflammen. Trainer Petkovic und die Verbands-Bosse reagieren harsch, stellen sich hinter ihren Stürmer, kritisieren das Publikum. Immerhin: Der innere Zirkel der Nationalmannschaft ist eine Einheit. Neun Monate später ist das anders. Die Gräben zwischen Verband und Spielern sind offensichtlich. In kürzester Zeit ist ohne Not etwas kaputt gegangen. Es wird viel Kraft und Zeit brauchen, die Stimmung wieder in die andere Richtung zu lenken.

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