In der Bildungspolitik zeichnet sich gerade eine ziemlich spektakuläre Wende ab. Erste Vorboten sieht man, wo könnte es anders sein, in den USA, genauer im Silicon Valley. Und wie so viele Trends, die von dort kommen, dürfte auch dieser mit der üblichen Verzögerung Europa und die Schweiz erreichen. Oft klingt diese Aussicht wie eine Drohung – diesmal aber eher wie eine Verheissung.

In mehreren Schulen des Silicon Valley werden Computer und Tablets aus dem Unterricht verbannt. «Screen-free schools», bildschirmfreie Schulen, heisst das Schlagwort. Wer hats erfunden? Die Tech-Pioniere, also jene Unternehmer, die ihre Millionen und Milliarden mit ebendiesen Bildschirmen verdient haben. Ironischerweise wollen ausgerechnet sie, dass ihre Kinder sich mit Menschen statt mit Geräten abgeben, dass sie in den Pausen auf Spielplätzen herumtollen, statt am Handy zu hängen.

Die «New York Times» wittert einen neuen digitalen Graben: Lange Zeit sei es das Privileg von Kindern aus reichem Haus gewesen, an Bildschirmen ausgebildet zu werden. Ihre Schulhäuser verfügten über eine supermoderne Infrastruktur, und Hausaufgaben wurden online erledigt. Man machte sich Sorgen, dass Kinder in ärmeren Regionen, wo die Schulen nicht mit Computern ausgestattet sind, abgehängt werden. Jetzt gibt es gegenteilige Warnungen: Kinder der Unter- und Mittelschicht würden zunehmend von Bildschirmen erzogen, während der Nachwuchs gut situierter Familien vom «Luxus zwischenmenschlicher Beziehungen» profitieren würde. Die Zeitung hat festgestellt, dass teure Privatschulen den Computer im Unterricht zurückfahren, während die öffentlichen Schulen diesen immer öfter einsetzen. Die Entwicklung an den Schulen widerspiegelt jene zu Hause in den Familien. In den USA verbringen Teenager aus unteren Einkommensverhältnissen täglich 8 Stunden an einem Bildschirm (Handy, Tablet, Computer, Fernsehen), während es bei Gleichaltrigen aus besseren Verhältnissen «nur» fünfeinhalb Stunden sind.

In der Schweiz verläuft die Debatte anders. Vor dem gross angelegten Digitaltag vergangene Woche titelte der «Blick» auf der Frontseite im Imperativ: «Kinder an die Computer!» In dem Artikel forderten Politiker eine «Digital-Offensive an Schulen». Sie reagieren letztlich auf die Erwartungshaltung vieler Eltern: Schon ab der 1. Klasse sollten die Knirpse programmieren lernen. Entsprechend boomen private Programmierkurse. Und an Gemeindeversammlungen haben es Kredite für neue Spielplätze schwieriger als Kredite für neue Schulcomputer.

Internetpioniere verbieten den eigenen Kindern das Smartphone

Wie der Wind in elitären Zirkeln der USA gedreht hat, erlebte ich, als ich in der ersten Jahreshälfte an der Harvard-Universität forschte, an einem Institut, das auf die Interaktion zwischen Internet und Gesellschaft spezialisiert ist. Es fiel auf, dass viele der dort arbeitenden Wissenschafter in ihrem Familienleben restriktiv sind im Umgang mit dem Smartphone. Ein Forscher erzählte, dass sein Sohn mit 12 Jahren noch kein Handy habe und er ihn nur am Wochenende mit dem elterlichen Smartphone spielen lasse. Er zitierte eine Studie, wonach die Schulleistungen von Kindern umso besser seien, je weniger Zeit sie an Bildschirmen verbringen. Doch dieser Wissenschafter ist wohlsituiert – wer sich keine Nanny leisten kann, der setzt die Kinder vor den iPad oder vor den Fernseher.

Den neusten Bildungs-Trend muss man in einem grösseren Zusammenhang sehen. Die TechPioniere von Apple, Google, Facebook & Co. predigen neuerdings nicht mehr den allumfassenden Zugang zur digitalen Technologie (den haben inzwischen fast alle), sondern die zeitliche Limitierung des Konsums. Darum entwickeln sie Funktionen wie «Bildschirmzeit» auf dem iPhone, mit denen sich der Nutzer selber beschränken soll. Die Sache ist durchsichtig: Es geht den Konzernen nicht um die Rettung der Menschheit, sondern ums eigene Image, also ums Geschäft. Glaubwürdiger ist da, wie sich die Gurus privat verhalten. Steve Jobs, der Schöpfer des iPhones und des iPads, liess keine Gelegenheit aus, um die Welt von den Segnungen seiner Geräte zu überzeugen; seine Kinder aber hielt er davon noch fern, als sie Teenager waren. Bill Gates, der Gründer von Microsoft, erlaubte seinen Kindern das Smartphone erst, als sie 14-jährig waren. Die Väter Jobs und Gates – sie müssen es wissen.