Kolumne

Mein Detox-Monat

Gülsha hats getan: 30 Tage keinen Zucker, keine Gluten, kein Koffein, Nikotin und natürlich keinen Alkohol. (Symbolbild)

Gülsha hats getan: 30 Tage keinen Zucker, keine Gluten, kein Koffein, Nikotin und natürlich keinen Alkohol. (Symbolbild)

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG. In ihrer Kolumne schreibt sie heute darüber, wie es ist ohne Zucker, Koffein, Nikotin – und natürlich ohne Alkohol – zu leben.

Acht ganze Monate! Acht Monate musste ich meinen dem Alkohol und kiloweise Eiscreme sehr zugewandten Mitbewohner überreden, mit mir einen Detox-Monat in Angriff zu nehmen. 30 Tage keinen Zucker, keine Gluten, kein Koffein, Nikotin und natürlich keinen Alkohol. Ich brauche immer einen Partner in crime für solche Unterfangen, weshalb ich gerne meine Mitbewohner nötige. «Eine WG-Aktion schweisst zusammen und wir lernen uns auf einer anderen Ebene kennen», so beginne ich jede meiner enthusiastischen Pitches.

So schlug ich zum Beispiel einmal vor, gemeinsam ein Kochbuch zu schreiben mit unseren Lieblingsrezepten. Ein anderes Mal wollte ich, dass wir drei gemeinsam Japanisch lernen. Alle meine Ideen, samt die des Detox-Monats, werden von meiner Mitbewohnerin eigentlich immer sofort abgeschmettert. Sie blickt nach meinen Monologen kurz von ihrem Reportagen-Büchlein auf, seufzt und schüttelt mit einer hochgezogenen Augenbraue den Kopf.

Bei meinem Mitbewohner aber spürte ich, dass die Detox-Sache nicht ganz so aussichtslos war. Seine Rezepte für das Kochbuch-Projekt hatte er mir noch am selben Tag gesandt und seit meiner Japanischkurs-Sache begrüsst er mich immer mal wieder mit Gülsha-San. Deshalb wusste ich, der Detox-Monat war nicht ganz verloren, aber ich würde ihn mir hart erarbeiten müssen. Denn mein Mitbewohner zelebriert Kaffee wie andere den ersten Geburtstag ihres Kindes. Auch auf Pasta und Brot zu verzichten, käme ihm so wenig in den Sinn wie mir Yoga machen.

Wiederholt servierte ich ihm daher die Idee in seinen wehrlosesten Momenten: zum sonntagvormittäglichen Alka-Seltzer. Wegen seiner Kater kolossalen Ausmasses war er nicht nur zu schwach zum Antworten; er war eigentlich zu schwach zum Leben, und so bekam ich immerhin kein «Nein» zu hören. Seine Hangovers pflegte ich – wegen der Detox-Idee – mit sehr viel Leidenschaft und Hingabe. Irgendwann waren meine Argumente für die Entgiftungskur so pointiert und perfekt formuliert, dass er sich in einer kuschligen Decke von Vorteilen eines Detox-Monats eingelullt wiederfand. Acht Monate voller Kater, Eiscreme und Koffein-Überdosierung gepaart mit Einlullung waren nötig, um meinen Mitbewohner davon zu überzeugen, mit mir auf alles zu verzichten, was Spass macht.

Wir starteten an einem Montagmorgen mit Basenpulver und einem Glas lauwarmem Apfelessig-Wasser. Beides sehr grauslige Getränke, aber nichts im Vergleich zur schlechten Laune, die über uns brechen sollte. Nie wurde unsere Freundschaft und der gemeinsame Mietvertrag härter strapaziert als in den ersten sieben Tagen. Der Verzicht auf Prosecco, Zigaretten, Kaffee, Pasta und Schokolade bietet viel neu gewonnenen Raum für unglaubliche Mengen Gehässigkeit, Zorn und entzugsbedingte Kopfschmerzen.

Meine Lunte war, ähnlich wie die meines Mitbewohners, mikromässig kurz. Sein froschartiges Glucksen beim Schlucken, was auf das Flugzeugstart-laute Schlürfen folgte, machte mich komplett irre. Und auch er hielt mich kaum aus. So seien meine Schuhe vor der Haustüre so drapiert, dass er gezwungenermassen über sie stolpern müsse! Wir stritten viel und intensiv, diskutierten unsorgfältige Putzarbeiten des anderen, gegenseitige Unzuverlässigkeiten und regten uns über die falsch gekaufte Zahnpasta- oder Waschmittel-Marke auf. Aber dennoch kochten wir jeden Tag gemeinsam, schwelgten in Vorfreude über den ersten Kaffee und sandten uns per WhatsApp Nährstofftabellen von Nüssen und Kokosschnitzen. Unsere WG fühlte sich plötzlich wie Familie an.

Ich habe in der dritten Detox-Woche herausgefunden, dass ich ab der dritten Woche kein gehässiges Monster bin, dass ich aber durch meine normale Ernährung immer noch viel zu viel Schwachsinn in mein System kippe: Dinge, die mich lethargisch machen, auf mein Sucht- bzw. Belohnungszentrum im Hirn wirken und meine Laune verändern. Weshalb ich auch in Zukunft unbedingt auf Zucker und Gluten verzichten will.

Ich habe vor allem auch herausgefunden, dass mein Mitbewohner gar nicht so laut schluckt und ganz tolle Linsenrezepte kennt. Von mir aus können wir für immer zusammen wohnen bleiben; wer nämlich einen Zucker- und Koffeinentzug gemeinsam übersteht, den kann nix mehr schocken, auch keine enthusiastischen Pitches.

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