Der Regierungsrat gibt den Entwurf für den Aargauer Lehrplan 21 in eine Anhörung. Freiwillig, wie er betont, denn der Erlass von Lehrplänen ist Regierungskompetenz. Bereits die Erarbeitungsphase fand nicht im stillen Kämmerlein der Verwaltung statt: Man hatte von Beginn weg ein offenes Ohr für Interessenvertreter aller Art. Die ersten Reaktionen auf die aargauspezifischen Anpassungen der Deutschschweizer Vorlage sind denn auch verhalten positiv.

Am meisten zu reden gibt bis jetzt eine Anpassung, die nicht wirklich den Vorgaben des Lehrplans 21 geschuldet ist: Die Zahl der Pflichtlektionen steigt, vorab an der Unterstufe und der Realschule. Denn man hat herausgefunden (erst jetzt?!), dass Aargauer Kinder deutlich weniger Unterricht «geniessen» als die Jugend der meisten anderen Kantone. Also rauf mit den Pflichtlektionen. Dafür geht’s zum Teil runter mit Wahlfachangeboten. Und Halbklassenunterricht wird seltener. Trotzdem gibt es erhebliche Zweifel (nicht nur beim Lehrpersonal), ob sich solche Anreicherungen «kostenneural» realisieren lassen. Auf dieses Adjektiv ist die Regierung nämlich stolz. Es gibt aber auch Zweifel, ob sich alle im Lehrplan festgeschriebenen Kompetenzen mit der zur Verfügung gestellten Anzahl Lektionen erreichen lassen. (Vor-)schreiben ist einfach, realisieren oft viel schwieriger.

Ein Beispiel: politische Bildung. Nach dem Willen der Regierung soll sie ausdrücklich gestärkt werden. Gegenüber dem Ist-Zustand wurden zusätzliche Ziele (Kompetenzen) in den Lehrplan geschrieben. Mehr Stoff ruft nach mehr Zeit. Nun droht aber das schiere Gegenteil: An der Oberstufe soll die Anzahl Wochenlektionen für Geschichte und Geografie von 4 auf 3 reduziert werden. Das Problem ist dabei nicht der neue Sammelfach-Namen «Räume, Zeiten, Gesellschaften»; wer will, kann die Fächer nach wie vor getrennt unterrichten. Das Problem ist: Das Fach, zu dem Staatskunde nach allgemeinem Verständnis gehört – Geschichte –, erhält weniger Zeit. Die Regierung sagt nun: Politische Bildung gehört auch in die Fächer Deutsch, Wirtschaft/Arbeit, Lebenskunde etc. Schön. Aber: Wer koordiniert und kontrolliert? Wer verhindert, dass Lehrkräfte, die politisch nicht besonders affin sind, sich darüber hinwegmogeln? Schliesslich haben sie noch Hunderte anderer «Kompetenzen» zu erreichen.

Nun droht Ungemach. Denn im Aargau ist ja noch eine Initiative der Jungfreisinnigen hängig. Mit ihr wird ein eigenes Fach «Staatskunde» an der Volksschule gefordert. Die Urheber des 2010 eingereichten Begehrens hatten sich bereit erklärt, dieses allenfalls zurückzuziehen, falls der Lehrplan 21 «ihrem» Fach den nötigen Stellenwert einräume. «Wir sind enttäuscht», sagt nun Mit-Initiantin und FDP-Grossrätin Jeanine Glarner aus Wildegg. Man habe Hand für eine allseits befriedigende Lösung geboten, «doch jetzt wird die politische Bildung sogar noch geschwächt, das überrascht und ärgert uns». Die Initianten wollen in der Anhörung dafür kämpfen, dass ihr Anliegen in der Stundentafel doch noch berücksichtigt wird. Passiert das nicht, ist für Glarner klar: «Dann bestehen wir auf einer Volksabstimmung über unsere Initiative.»