Bundesrat Johann Schneider-Ammann findet die Übernahme von Syngenta durch einen chinesischen Staatsbetrieb «einen guten Deal». Für den Abbau von 1300 Stellen bei Alstom zeigte er kürzlich «ein gewisses Verständnis». Nun hat ein Wirtschaftsminister zwar nur begrenzt Möglichkeiten, das Geschehen zu beeinflussen. Wenn sich seine Tätigkeiten aber darauf beschränken, Beruhigungspillen zu verabreichen, ist das trotzdem etwas dürftig. Kein anderes Land würde es begrüssen, wenn ein bedeutendes Unternehmen nach China verkauft würde. Frankreich und Italien würden politisch Druck aufbauen. Den USA ist zuzutrauen, dass sie die Übernahme kurzerhand zu einer Frage der nationalen Sicherheit erklären und verbieten würden. Viel rigider ist China selber: In Schlüsselbranchen, etwa der Autoindustrie, dürfen ausländische Unternehmen nur Joint Ventures eingehen.

Klar, längst sind Schweizer Grossunternehmen nicht mehr in Schweizer Hand. UBS, Credit Suisse, Nestlé und Co. gehören mehrheitlich Ausländern. Die Aktien aber sind breit gestreut und die Firmen Publikumsgesellschaften, was zu hoher Transparenz verpflichtet. Dass ein Unternehmen komplett von einem ausländischen Konzern geschluckt werden kann, gehört zu den Spielregeln der Marktwirtschaft. Doch auch hier führt sich die Schweiz als Musterschülerin auf, während andere Länder flexibel mit Prinzipien umgehen, wenn es um ihre Interessen geht.

Nun übernimmt also der staatliche Riese Chem China das wichtige Basler Unternehmen Syngenta für 43,7 Milliarden Franken. Die 30 000 Angestellten werden quasi zu chinesischen Staatsangestellten. Es handelt sich um die grösste Übernahme durch China im Ausland, die «NZZ» schrieb von einem «Coup historischen Ausmasses». Es gibt zeitlich befristete
Garantien für die Arbeitsplätze und den Hauptsitz Basel. Was danach kommt, weiss niemand. Im guten Fall führen die Chinesen Syngenta an der langen Leine, weil sie so am meisten von Entwicklungsfortschritten profitieren.

China will wieder zur führenden Nation werden

Doch sicher sein können wir nicht. Die Chinesen ticken komplett anders als wir, und das macht sie für uns unberechenbar. In China kann innert weniger Monate eine Fabrik aus dem Boden gestampft werden, und sollte es eines Tages von Vorteil sein, Syngenta woanders anzusiedeln, dann werden die Chinesen dies mit aller Garantie tun, und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Denn in China zählt das grosse Ganze und nicht das Individuum. China fokussiert alles auf sein grosses Ziel: kulturell und wirtschaftlich wieder zur führenden Nation zu werden, wie es das während Jahrtausenden war. Aus chinesischer Sicht ist der derzeitige Unterbruch ein Unfall der Geschichte. China denkt beim Aufholen nicht in 4-Jahres-Wahlzyklen, sondern in Dekaden.

China befindet sich in ganz Europa auf Einkaufstour. Volvo, Pirelli und Krauss-Maffei sind chinesisch geworden, in der Schweiz Eterna, Saurer, Swissmetal und Swissport. Ein hochrangiger Funktionär des chinesischen Aussenministeriums sagte der «Zeit»: «Die Krise in Griechenland und Europa hat uns eine Gelegenheit gegeben, die wir sonst nicht gehabt hätten.» Jetzt komme die Zeit Chinas.

Was uns misstrauisch machen sollte: Mit Übernahmen kommt China auf einen Schlag an Wissen und an Innovationen, mit Syngenta im Bereich Saatgut und Dünger. Für deren Entwicklung wären sonst Jahre nötig gewesen. Was China mit Wissen macht, ist bekannt: kopieren und günstig reproduzieren. OC Oerlikon hat das vor ein paar Jahren besonders schmerzhaft erfahren müssen. Eigene Mitarbeiter in China haben Pläne kopiert, Einzelteile bei denselben Lieferanten bestellt, die Originalmaschinen nachgebaut und zum halben Preis angeboten. 

Die Schweiz sollte ihren KMU mehr Sorge tragen

Der Westen hat keine langjährige Erfahrung damit, was mit Unternehmen passiert, die in chinesischen Besitz gelangt sind. Immerhin kurzfristig lassen die Chinesen die Firmen offenbar so laufen wie bisher – im Gegensatz etwa zu US-amerikanischen Muttergesellschaften, die allen ihr Management überstülpen. Was die langfristige Entwicklung betrifft, kann man derzeit bloss hoffen, dass es gut kommt – vor allem, dass die Arbeitsplätze bei uns erhalten bleiben.

Und wir sollten uns darauf besinnen, was die Schweizer Wirtschaft ausmacht: nicht in erster Linie die Grosskonzerne, sondern die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Sie bieten zwei Drittel aller Stellen in der Wirtschaft an! Ihnen müssen wir Sorge tragen, sie muss die Politik stärker unterstützen, und auch die Banken sollten hier zurückfinden zu ihrer
Ur-Aufgabe, nämlich Kredite für Investitionen in Innovationen zu ermöglichen.

Dumm nur, dass China bereits erkannt hat, welche Perlen sich unter den Schweizer KMU befinden. Im Schatten von Syngenta wurde diese Woche auch der traditionelle Flaschenhersteller Sigg in Frauenfeld geschluckt.