Wochenkommentar

Mehr Freiheiten für die Liebe: Die Schweiz braucht die «Ehe light» statt der «Ehe für alle»

Stefan Schmid: «Die Ehe muss weder abgeschafft noch ausgedehnt werden.»

Stefan Schmid: «Die Ehe muss weder abgeschafft noch ausgedehnt werden.»

Homosexuelle Paare sollen mit Heteros weitgehend gleichgestellt werden. Dafür braucht es aber nicht die «Ehe für alle». Die Politik muss stattdessen die Optionen erweitern, wie Beziehungsformen rechtlich abgesichert werden können.

Es sieht gut aus für schwule und lesbische Paare: Die «Ehe für alle» steht sechs Jahre nach der Lancierung der Idee durch die Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy vor dem Durchbruch.

Entsprechend gross ist die Freude bei Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Ihre Glückseligkeit ist nachvollziehbar.

Alle mündigen Bürger sind vor dem Gesetz gleich, egal, wie sie aussehen, woher sie kommen und wen sie lieben. Wenn heterosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, gibt es schlicht keinen nachvollziehbaren Grund, gleiches einem lesbischen oder schwulen Paar zu verweigern. Diese können genau so gute (oder schlechte) Eltern sein, wie herkömmliche Gemeinschaften. Und auch die Fortpflanzungsmedizin, auf deren Segen ungewollt kinderlose Heteros zurückgreifen dürfen, sollte zumindest auf lesbische Paare, die biologisch in der Lage sind, Kinder selber auszutragen, ausgeweitet werden.

Dass sich konservative Kreise immer noch gegen diese Liberalisierung wehren, ist freilich nur noch im Ausnahmefall der einst verbreiteten Homophobie geschuldet. Primär geht es ihnen um das Wohl der Kinder.

Diese brauchen, so die Argumentation, zwingend einen Papa und eine Mama, um sich gut entwickeln zu können. Zwei Frauen oder zwei Männer seien hierfür ungeeignet – eine psychologisch wie politisch umstrittene These.

Die Ehe war im Mittelalter eine rein kirchliche Angelegenheit. Seit dem 12. Jahrhundert gilt sie als Sakrament, als unlösbare Verbindung zwischen Mann und Frau. Erst in der Neuzeit mit der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft begann sich der Staat in diese Institution einzumischen – und baute sie zu einem Bollwerk des kleinbürgerlichen Familienmodells aus. Der Mann ernährt die Familie, die Frau sorgt sich um Haus und Hof. Gerade auf dem Land ist dieses Modell noch heute am weitesten verbreitet. Mit dem Ehevertrag schützt und bevorteilt der Staat systematisch diese Konstellation.

Aus liberaler Sicht aber ist es nicht die Aufgabe des Staates, eine spezifische Beziehungsform zu bevorzugen.

Der Staat muss einzig dafür sorgen, dass dort, wo gemeinsame Kinder existieren, die Fürsorge garantiert wird. Es darf nicht sein, dass sich ein Vater oder eine Mutter dieser Verantwortung entzieht. Auch die gegenseitige elterliche Unterhaltspflicht unmittelbar nach der Geburt macht Sinn.

Die klassische Ehe ist für viele Leute eine gute Sache. Das zeigt auch deren ungebrochene Popularität bei jungen Menschen. Dennoch sollten wir die Ausdehnung der Ehe auf Homosexuelle keineswegs mit gesellschaftlichem Fortschritt verwechseln. Im Gegenteil. Die Ehe als zentrale Institution des traditionellen Ernährermodells erfährt eine Aufwertung, wenn sie auf alternative Beziehungsformen ausgeweitet wird.

Statt einer «Ehe für alle» sollten wir über die Einführung eines Zivilpakts diskutieren, der nur noch das Wichtigste regelt: Den Schutz der Kinder, eine zeitlich und materiell limitierte Fürsorgepflicht, je nach dem auch eine individuelle Besteuerung.

Frankreich macht mit dem «Pacte civile de solidarité» (Pacs), einer Art «Ehe light», gute Erfahrungen. Dieser erfreut sich seit geraumer Zeit einer grösseren Beliebtheit als die klassische Ehe. Man schliesst den Pacs, um sich gegenseitig abzusichern. Und auch, um die Liebesbeziehung öffentlich zu zelebrieren. Und man löst ihn im Bedarfsfall ohne grosse Umstände wieder auf.

Die Ehe muss weder abgeschafft noch ausgedehnt werden. Die Politik soll dafür die rechtlichen Optionen, wie Beziehungen geschützt und gelebt werden können, erweitern. Mehr Freiheit für alle, weniger Fixierung auf eine überkommene Institution.

Meistgesehen

Artboard 1