Wenn am Sonntagabend in den USA die nächste Episode der Erfolgsserie «Game of Thrones» ausgestrahlt wird, ist es in der Schweiz drei Uhr morgens. Dennoch werden auch hierzulande Tausende den Fernseher anschalten, um «live» dabei zu sein bei der Schlacht um den eisernen Thron. Zum ersten Mal überträgt der Westschweizer Sender RTS die Serie zeitgleich zur Originalausstrahlung. Das Fantasy-Epos, das alle sehen wollen, bricht Rekorde. 17,8 Millionen Zuschauer verzeichnete die Serie alleine auf dem Bezahlsender Sky.

Ähnliches schafft nur noch der Kinofilm «Avengers: Endgame». Über 1,5 Milliarden Dollar hat der Film in der ersten Woche eingespielt. In 54 Ländern ist er gleichzeitig angelaufen. Das gab es noch nie. 85 Prozent aller Menschen, die am letzten Wochenende in der Schweiz ins Kino gingen, haben sich den Superhelden-Film angesehen.

So individualistisch sich die Menschen auch geben, plötzlich sind sie wieder gleichgeschaltet – und fiebern alle mit denselben Helden mit. Dabei würde es an Alternativen nicht fehlen. Sowohl im Kino als auch im Fernsehen. Und erst recht nicht auf den Streaming-Portalen wie Netflix, die sich zum Ziel gesetzt haben, für jede noch so kleine Zielgruppe massgeschneiderte Inhalte zu produzieren.

Der Trend zur Personalisierung hat längst auch die Unterhaltungsindustrie erfasst. Nicht nur bei Serien, sondern auch bei der Musik. Auf Spotify generieren Algorithmen auf die Hörgewohnheiten der Nutzer zugeschnittene Playlists: Finnischer Indie-Pop mischt sich etwa unter japanische Elektroklänge und zeugt von der Individualität des Hörers.

Sind die Mega-Erfolge der Blockbuster «Game of Thrones» und «Avengers» bloss das letzte Aufbäumen einer gestrigen Kulturindustrie? Nein, in ihnen zeigt sich viel mehr die Sehnsucht nach Kollektiverlebnissen in einer von Individualismus geprägten Zeit.

Die Individualisierung ist das Leitmotiv der Gesellschaft

Die Lebensentwürfe der Menschen im 21. Jahrhundert sind so divergent wie noch nie. In der westlichen Welt hat die Zunahme des Wohlstandes die Menschen in die Lage versetzt, ihr Leben gemäss den eigenen Wünschen und Vorstellungen zu verwirklichen. Kaum etwas ist vorgegeben; die Möglichkeiten sind schier unendlich. Die einen haben ihre Kinder in jungen Jahren, andere – der Reproduktionsmedizin sei Dank – erst nach der Lebensmitte; nochmals andere gar nie.

Und auch die Arbeitswelt wurde längst vom Mega-Trend Individualisierung erfasst. Freelancer sind die am schnellsten wachsende Berufsgruppe. Start-ups sind die spannendere Alternative zu Grosskonzernen. Und das Produkt, das alle Unternehmen – ob Textilfabrikant oder Pharma- firma – anstreben, ist personalisiert und «customised»: Jeder soll genau das bekommen, was er braucht. Dazu passt, dass das grösste Passagierflugzeug, der Airbus 380, ausgedient hat und dass dem Fahrdienst Uber, der in Städten den öffentlichen Verkehr individualisiert, ein Mega-Börsengang bevorsteht.

Fantasy-Welten sind der letzte gemeinsame Bezugspunkt

Doch Menschen sind auch Herdentiere. So hoch sie ihre Autonomie auch halten, so sehr gehen sie im Kollektiv auf: Zusammen etwas erreichen, zusammen etwas erleben, zusammen die Welt verändern: Das wird in einer von Individualismus geprägten Gesellschaft immer schwieriger, weil die Gemeinsamkeiten fehlen.

Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine Gemeinsamkeit, auf die sich viele einigen können. Deshalb wollen die Proteste nicht verebben. Tradition eine andere, deshalb wird noch immer am 1. Mai demonstriert. Sonst gibts da aber nicht mehr viel auf der Welt. Diese Lücke füllen die wenigen verbliebenen Mega-Blockbuster wie «Game of Thrones» oder «Avengers».

Dabei geht es einerseits um das gemeinsame Seherlebnis im Kino oder vor dem TV. In den USA treffen sich «Game of Thrones»-Enthusiasten in Bars, sehen sich die neuste Folge zusammen an, johlen, jubeln und weinen gemeinsam. Und die Schweizer, die morgens um 3 Uhr den Fernseher anschalten, fühlen sich als Teil einer Bewegung.

Ebenso wichtig ist aber, dass das Geschehen auf dem Schirm als gemeinsames Thema dient, über das man sich austauschen kann. So wundert es nicht, dass die letzte Folge von «Games of Thrones» einen neuen Twitter-Rekord aufgestellt hat: 7,8 Millionen Tweets wurden zu der Folge abgesetzt.

Wenn die Lebenswelt der Menschen in Millionen Fragmente zersplittert, werden gemeinsame Bezugspunkte umso wichtiger. Dass sie wie im Fall von «Avengers» oder «Games of Thrones» in Fantasy-Welten liegen, ist kein Zufall: Sie sind so weit weg von den Lebensrealitäten der einzelnen, dass sie als gemeinsamer Nenner selbst die grössten Individualisten zum Kollektiv einen können.