Jetzt, wo die Aargauer Politik dank Nicht-mehr-SVP-Regierungsrätin Franziska Roth mal wieder über die Kantonsgrenzen hinaus interessiert, meint jeder, dazu eine Analyse abgeben zu müssen. Mitunter mangelt es den Verfassern aber an Grundkenntnissen über das regionale Politgeschehen. Kein Problem: Man liest einfach zwei andere Artikel übers Thema und fegt dann einmal kommentierend drüber. Ist ja egal, obs inhaltlich Sinn macht.

Jüngstes Beispiel: Politikwissenschafterin Regula Stämpfli im Onlinemagazin persoenlich.com. In ihrem Beitrag ortet die in München wohnhafte Stämpfli nicht nur ein Frauenproblem bei der «Männerpartei SVP», sondern auch ein Medienversagen: «Von selbst wurden die demokratischen Missstände, die im Kanton Aargau schon länger schwelen, nicht wirklich von den Medien recherchiert», schreibt sie. «Dies macht den Fall Roth auch zu einem Fall Qualitätsmedien in der Schweiz.»

Regelmässige Leser der «Aargauer Zeitung» werden sich nun die Augen reiben. Haben sich die Redaktoren doch wenn schon den Vorwurf anhören müssen, man schaue bei Roth zu kritisch hin.

SVP-Schlammschlacht: Partei reagiert drastisch auf Roths Austritt (23.4.2019)

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Nach anhaltender Kritik, vor allem aus den eigenen Reihen, macht Franziska Roth per sofort als parteilose Regierungsrätin weiter. Darauf reagiert die SVP ebenso radikal.

Was die Causa Roth von anderen Polit-Affären unterscheidet: Da sind keine eigentlichen Skandale, die es aufzudecken gibt. Es ist die Summe der kleinen Versagen der Regierungsrätin und ihrer Partei, die das grosse Bild ergeben – und dieses können nur Regionalmedien zeichnen. Weil sie kontinuierlich nahe dran sind; ungemütlich nahe für viele Politiker. Regionalmedien, denen vermeintlich kleine Verfehlungen, Stolpersteine, Ärgernisse auffallen, die isoliert betrachtet nicht so tragisch sind, kumuliert aber eben schon.

Bei Roth begann es mit seltsamen Äusserungen im Wahlkampf wie etwa der Forderung nach einer Schule wie vor 40 Jahren. Nach der Wahl kamen die auffällig häufigen Personalwechsel in ihrem Departement. Die vielen brüskierten Dialogpartner. Die erst verhaltene und dann immer lauter werdende Kritik aus allen Partei-Ecken. Und daraus entstanden Artikel, Analysen, Kommentare in der «Aargauer Zeitung», wodurch das Ausmass des Problems erst ans Licht kam. «Nicht wirklich von den Medien recherchiert», Frau Stämpfli? Wohl eher nicht über den Üetliberg hinausgeschaut.

Ironischerweise schreibt die Politikwissenschafterin weiter: «Kein Wunder, interessierten sich Aargauer Journalisten nur am Rande für die Vorgänge grad vor der Haustür. Denn eine journalistische Karriere macht man heutzutage nicht durch guten Recherchejournalismus, sondern mithilfe von Züri-Selfies.» Ach, Frau Stämpfli: Werfen Sie selber doch mal einen Blick über die Zürcher Stadtgrenze. Lesen Sie eine Regionalzeitung. Sie werden staunen.

Regierungsrätin Franziska Roth – von der Nomination der SVP bis heute: