Ein fürsorglicher Vater, der nicht nur den Abfallsack vor die Türe stellt, son-dern auch das Kind ins Bett bringt, regelmässig die Windeln wechselt, die Wäsche machen kann und sogar den Kinderarzt kennt – das dürfte der Traum vieler Frauen sein. Doch in einer unserer Studien wünscht sich fast jede dritte Frau keinen solchen unermüdlichen Einsatz. In der Forschung heisst dieses Phänomen «Maternal Gatekeeping»: Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherin, die ihrem Partner die Türen öffnen, blockieren oder gar verschliessen können.

Historisch besehen ist dies ein bekanntes Phänomen, doch würde man erwarten, dass es von der weiblichen Emanzipation zum Verschwinden gebracht worden ist. Doch dem ist nicht so. Auch heute noch fühlt sich ein Grossteil der Mütter trotz Berufstätigkeit für die Familie verantwortlich, während Männer zwar meist als neue Väter, aber ebenso als Rosinenpicker bezeichnet werden. Am Abend gehen sie zwar früher nach Hause, aber nicht, um noch schnell eine Wäsche zu machen, sondern, um mit den Kindern zu spielen.

Traditionelle Rollen nach der Geburt

Dabei fängt alles harmonisch an. Wenn sich Paare ihre Zukunft mit Kindern ausmalen, dann wollen sich die meisten gleichberechtigt engagieren. Doch mit der Geburt des ersten Kindes traditionalisiert sich das Familienleben gewaltig, sodass mehrheitlich eine geschlechtstypische Rollenverteilung entsteht. Gründe dafür gibt es viele. Beispielsweise verdienen Männer durch-schnittlich mehr als die Partnerin. Weil die volle Lohntüte am Ende des Monats für die junge Familie eine neue Bedeutung bekommt, wird er meist Haupternährer, währendem sie beruflich kürzertritt oder aussteigt und die Verantwortung für Haushalt und Familie übernimmt – in 75 Prozent trifft dies auch zu, wenn beide Partner vor der Familiengründung Vollzeit berufstätig waren.

Weil die Umstellung von der unabhängigen Berufsfrau zur frischgebackenen Mutter eine neue Identität erfordert, kann die Türsteher-Rolle in diesem Prozess eine bedeutende Rolle spielen und das Kind als Stabilisierungsfaktor wirken. Sind Mütter, die sich selbst als «Glucke» bezeichnen, automatisch Türsteherinnen? Keineswegs! Eine Glucke behütet ihre Kinder zwar im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich vor allem in der Abgrenzung zu ihm und fühlt sich für das Wohlbefinden des Kindes mehrheitlich allein verantwortlich. Zwar akzeptiert sie den Mann als Haupternährer, aber nicht als gleichberechtigte väterliche Figur.

Das Ergebnis einer Türsteher-Beziehung ist meist ein Verhältnis wie zwischen einer Chefin und einem Praktikanten. Doch hinter dem Verhalten steckt kaum eine Absicht, sondern die Überzeugung, dass die Fehler beim Partner liegen. Frauen sagen mehrheitlich, sie würden gerne die Arbeit mit dem Partner teilen. Aber sie seien mit dem Familienmanagement dermassen überladen, dass es viel einfacher sei, alles selbst zu erledigen, als sich mit ihm hinzusetzen und das Ganze zu diskutieren.

Frauen können das sowieso besser

Männer verweisen oft auf ihre zwei linken Hände und auf die von Natur aus besseren Fähigkeiten der Partnerin. Ist sie zu Hause federführend, dann wartet er nach getaner Berufsarbeit logischerweise auf Aufforderung und Instruktion. Wird er stets kritisiert oder kann er den Erwartungen der Partnerin kaum genügen, schränkt er sein Engagement ein oder bleibt noch länger im Büro. In der Forschung nennt man dieses Verhalten erlernte Hilflosigkeit, die als bewusste oder unbewusste Selbstausgrenzungsstrategie definiert wird. Auch Männer, die CEO einer Firma sind, trauen sich dann privat kaum mehr etwas zu.

Wie kommt man aus dieser Teufelsspirale heraus? Eine Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich selbst infrage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Deshalb sollten sich beide Partner füreinander sensibilisieren. Dies ist dann der Fall, wenn sich Männer eingestehen, dass ihre Rosinenpickerei oder ihre Hilflosigkeit die Identität der Partnerin belasten. Und wenn Frauen lernen, abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Legen beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst.