Kommentar

Macron darf sich nicht blenden lassen

Die «roten Schals» sehen sich als Gegenbewegung zu den «Gelbwesten». Tausende gingen gestern in Paris auf die Strasse, um gegen ein Ende der Gewalt und für die Politik der französischen Regierung zu demonstrieren.

Die «roten Schals» sehen sich als Gegenbewegung zu den «Gelbwesten». Tausende gingen gestern in Paris auf die Strasse, um gegen ein Ende der Gewalt und für die Politik der französischen Regierung zu demonstrieren.

In Paris haben am Sonntag mehrere Tausend «Rotschals» gegen die Protestbewegung der «Gelbwesten» demonstriert. Und Macron – profitiert er von den Rotschals? Der Kommentar.

In Frankreich, dem Land der grossen Revolution, entscheiden sich politische Kämpfe nicht nur an den Wahlurnen, sondern auch auf der Strasse. Dort demonstriert längst nicht nur die Linke: 1984 bremste ein Monsterumzug von einer Million Befürwortern der (katholischen) Privatschulen den sozialistischen Elan von Präsident Mitterrand. Am Sonntag sind einige tausend «Rotschals» an die Pariser Bastille gezogen, um gegen die wöchentlichen Gelbwesten-Krawalle zu protestieren. Bilanz: Dem Aufruf war kein überwältigender Erfolg beschieden. In den sozialen Medien gelten die Rotschals als Helfershelfer von Präsident Macron. Zudem schlug am Vortag, dem elften Gelbwesten-Samstag, vor allem ein rücksichtsloser Polizeieinsatz hohe Wellen. Die Rotschals können deshalb kaum in Anspruch nehmen, sie verkörperten die schweigende Mehrheit, während sich die Reihen der Gelbwesten lichten.

Und Macron – profitiert er von den Rotschals? Der Präsident hatte in der Bevölkerung viel Kredit verspielt. Er versucht nun, die Wut der Proteste in eine «nationale Debatte» umzuleiten. Der Erfolg ist alles andere als garantiert, auch wenn sich seine Umfragewerte leicht bessern. Obschon der Umzug der Rotschals wenig imposant war, lässt er darauf schliessen, dass die Franzosen genug haben von den nicht abreissenden Gewaltprotesten. Denn sie sind Gift für die Wirtschaft Frankreichs und das Image des Reiselandes. Die Rotschals wollen gesittete demokratische Abläufe. Deshalb halten sie auch an ihrem gewählten Präsidenten fest. Allerdings nicht wegen Macron selbst, sondern des zivilen Friedens willen: Insofern darf sich der Staatschef keiner Illusion hingeben. Den endlos scheinenden Aufstand verarmter Bürger an der Landesperipherie hat er noch längst nicht gemeistert.

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