Gastkommentar

Luther 2.0 – die Macht der Tech-Konzerne

500 Jahre, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, hat der britische Kolumnist und Buchautor John Naughton 95 Thesen zur Technologie ins Netz gestellt. (Archiv)

500 Jahre, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, hat der britische Kolumnist und Buchautor John Naughton 95 Thesen zur Technologie ins Netz gestellt. (Archiv)

Gastkommentar zur Macht der Tech-Konzerne.

Am 31. Oktober 1517 schlug der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablass an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg. Auf den Tag genau 500 Jahre später hat der britische Kolumnist und Buchautor John Naughton seine 95 Thesen zur Technologie ins Netz gestellt – nicht mit Hammer und Meissel, sondern mit Bytes und Bits.

«Eine neue Macht ist in der Welt entfesselt», schreibt der wortgewaltige Technologiekritiker in seiner auch im «Guardian» publizierten Einführung. «Sie ist nirgends und überall. Sie weiss alles über uns – unsere Bewegungen, Gedanken, Wünsche, Ängste, Geheimnisse, wer unsere Freunde sind, was unser finanzieller Status ist, sogar wie gut wir in der Nacht schlafen. Wir sind 150 Mal am Tag oder mehr mit ihr in Kontakt, und mit jedem Moment des Kontakts tragen wir zum unermesslichen Reichtum dieser Priesterschaft bei. In anderen Worten: Wir sind alle Mitglieder der Kirche von Technopolis, und was wir anbeten ist digitale Technologie.» Wie der Reformator hat Naughton 95 kontroverse Thesen formuliert, die auf einer weiteren Seite näher erläutert werden. Zum Beispiel These 15: «Ihr Smartphone ist eine Slotmaschine in Ihrer Tasche.» Oder These 19: «Das Technische ist politisch.»

Der Analogieschluss zwischen der katholischen Kirche im Mittelalter und der Rolle der Tech-Giganten im Informationszeitalter ist nicht neu. Der Universalhistoriker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch «Homo Deus», wie durch die neue Datenreligion eine Algorithmenhörigkeit entsteht. «Indem der Dataismus die menschliche Erfahrung mit Datenmustern gleichsetzt, bringt er unsere wichtigste Quelle von Autorität und Sinn ins Wanken und kündet von einer ungeheuren Glaubensrevolution, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr erlebt haben. In den Zeiten von Locke, Hume und Voltaire behaupteten Humanisten, Gott sei ‹ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft›. Heute zahlt es der Dataismus den Humanisten mit gleicher Münze heim und erklärt: ‹Ja, Gott ist ein Produkt der menschlichen Fantasie, aber die menschliche Vorstellungskraft ist ihrerseits das Produkt biochemischer Algorithmen.› Mit dem Digitalzeitalter treten wir von einem homozentrischen in ein datenzentrisches Zeitalter ein.» «Im mittelalterlichen Europa», schreibt Harari in einem Artikel in der «Financial Times», «hatten Priester und Eltern die Macht, den Ehepartner auszuwählen. In einer dataistischen Gesellschaft frage ich Google, auszuwählen.»

Algorithmen sind die neuen Autoritäten im Dataismus: Sie entscheiden, ob man bei der Bank einen Kredit bekommt, welchen Partner wir finden und ob wir in eine Risikoklasse eingestuft werden. Was einst die Kirche war, sind heute die Tech-Konzerne – Organisationen, die ihre «Glaubensgemeinschaft» per Programmcode regieren. Das Silicon Valley gibt das datenzentrische Weltbild vor. Die Technik kommt mit einem Heilsversprechen daher. «Ihr müsst nur der Technik glauben!», predigen die Tech-Apostel. Google-Gründer Larry Page sagte 2002 bei einer Vorlesung an der Stanford University mit dem Pathos des Erlösers: «Die Mission, die ich für Euch ausgegeben habe, braucht noch eine Weile, bis die künstliche Intelligenz vollendet ist.» Sein Mitgründer Sergey Brin sekundierte, «die perfekte Suchmaschine wäre der Verstand von Gott» («the mind of god»). Das zeigt auch schon die parareligiösen Ambitionen des Konzerns.

Doch indem immer mehr Wertentscheidungen an Algorithmen delegiert werden, begibt sich der Bürger in eine selbst verschuldete Unmündigkeit – und wird zum digitalen Mündel. Man vertraut blind der Technik – und schaltet ob der zunehmenden Automatisierung sein eigenes, kritisches Denken ab. Die algorithmischen Prozeduren, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit unsere soziale Bonität determinieren, stellen eine Rückkehr zu jenen Arkanpraktiken dar, wie sie bereits in der mittelalterlichen Geistlichkeit verbreitet waren – und leisten einer Refeudalisierung der Gesellschaft Vorschub. Der Nutzer hat praktisch keine andere Wahl, als den Lehnsherren von Google, Facebook, Amazon und Co. beim Betreten ihrer Territorien seine Daten zur Verfügung zu stellen.

Im Grunde ist die Überlassung der Daten eine moderne Form des Ablasshandels: Man verkauft seine Seele, um von den Segnungen der schönen neuen Technikwelt zu profitieren. Braucht es also einen zweiten Martin Luther oder eine Reformation, um die Bigotterie der Tech-Kirche zu entlarven? Wohl nicht. Aber Bürger, die sich ihres eigenen Verstands bedienen und nicht hörig gegenüber den Tech-Aposteln und ihren seligmachenden Algorithmen sind.

Der Autor ist freier Journalist. Für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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