Kolumne

Liegt es am Engel?

in Weihnachtsbaum strahlt am Donnerstag, 19. Dezember 2018, am Fusse des Stanserhorns, oberhalb von Stans im Kanton Nidwalden.

in Weihnachtsbaum strahlt am Donnerstag, 19. Dezember 2018, am Fusse des Stanserhorns, oberhalb von Stans im Kanton Nidwalden.

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. In seiner aktuellen Kolumne schreibt er über den Zwiespalt von Weihnachtsfreude und Unglauben.

Was ist nun mit Weihnachten? Nichts als die jährliche Lizenz zum Rausch in Romantik und Konsum und Kitsch? Ach was, sagt mein skeptischer Freund Beni, ohne den Engel läuft gar nichts. Aber an den Engel glaubt doch keiner, werfe ich ein. Ist nicht nötig, sagt er, Engel wirken auch ohne unseren Applaus, wie jede quasi magische Macht, denk bloss an die Episode, wo Wolfgang Pauli (Nobelpreisträger Physik) Niels Bohr (Nobelpreisträger Physik) im dänischen Ferienhaus besucht und irritiert ist, über dem Eingang ein Hufeisen zu sehen. «Herr Kollege, Sie? Ein Hufeisen? Sie glauben doch nicht etwa daran?» «Natürlich nicht», antwortet Niels Bohr. «Aber ich habe gehört, es helfe auch, wenn man nicht daran glaubt.» Gilt das auch für Weihnachten? Hilft eine höhere Macht, auch wenn wir nicht an sie glauben? Bloss wie denn?

Die alte Weihnachtsgeschichte ist die antizyklischste aller Erzählungen: Stille Nacht, keine Party weit und breit. Es passiert – nichts. Ein Kind ist geboren, die Eltern entzückt, armselig ist der Stall, klar, spielt aber keine Rolle, alles wirkt warm und freundlich und traut, Esel und Ochse drängen sich neugierig heran, Hirten mit ihren Schafen schauen vorbei. Nichts Spektakuläres – bis auf den Engel, der über dem Stall schwebt. Mit ihm kommt eine Vertikale ins Spiel. «Engel» – von griechisch «Angelos» – bedeutet «der Bote». Der Engel, ein Go between zwischen Himmel und Erde, organisiert eine Nacht der Poesie zwischen Göttlichem und Menschlichem. Motto: «Fürchtet euch nicht!»

Sonst kamen vom Himmel meist umgekehrte Signale: Kuscht, ihr Erdwürmer! Reisst euch zusammen – sonst gibt es nichts zu lachen im Totenreich! Darum waren wir Menschen erst ganz aufgekratzt, als wir uns – dank Wissenschaft, Technik – vom Himmelsdruck befreiten. Weihnachten feiern wir trotzdem weiter. Das könnte am Engel liegen. Nicht nur, weil er die alten Drohgebärden von oben in Freundlichkeit umkehrt. Auch weil er uns das miese Gefühl durchlüftet, wir könnten allein sein im gigantischen Kosmos. Das uralte Bedürfnis, im All zu Hause zu sein, steckt weiter in uns, dieser Wunsch, einen Platz zu haben im kosmischen Geschehen, vielleicht gar wahrgenommen und gutgeheissen zu werden. Da kann ein freundlicher Weihnachtsengel, der zum interstellaren Networking ermutigt, zum Verführer werden.

Zwar wissen wir heute ungleich mehr über das Universum als unsere Vorfahren. Doch manchmal sieht es danach aus, als hätten sie darüber Wesentlicheres gewusst als wir. Wir datieren den Urknall. Vor 13,8 Milliarden Jahren explodierte das All, Hunderte Milliarden Galaxien stieben auseinander, mit Über-Lichtgeschwindigkeit, jede Galaxie mit Hunderten Milliarden Sonnensystemen. Ist das zu fassen? Allein das Licht der allernächsten Sterne braucht vier Jahre, bis es bei uns ankommt, das sind, grob gerechnet, satte 40 Billionen Kilometer.

Und irgendwo da drin in der expandierenden Masslosigkeit: Wir Winzlinge auf dem Planeten Erde, der gerade mit 108 000 km/h durchs All rauscht. Um uns herum nichts als Energiespektakel, Schwarze Löcher, Quantenauftürmungsmonster. Jedenfalls keine himmlischen Heerscharen, soweit wir sehen, keine Cherubim, keine Seraphim, auch kein Luzifer. Wo kein oben und kein unten ist, da hat es auch keinen Ort für Hierarchie. Wer will da hinausrufen: Hallo, ist da noch jemand? Oder sind wir allein da, kosmisch verwaist?

Ja, wir wissen vielerlei. Aber gibt das Wissen auch eine Erzählung her, ein Welttheater, worin wir eine Rolle spielen? Geht es da überhaupt um etwas? Um so etwas wie Sinn, Handlung, Drama? Oder bleibt alles Zufall? Lassen sich unsere mathematischen Formeln auch in Erzählungen bringen, in kosmologische Geschichten wie das Epos von der Geburt zu Bethlehem, das ja davon erzählt, wie Gott Mensch wird und der Mensch göttlich, jedenfalls davon, wie beide zusammen etwas vorhaben mit der Weltgeschichte?

Ist das nicht eher Zumutung als Trost für uns nüchterne Zeitgenossen? Wahrscheinlich. Anderseits hat sich die Euphorie über unsere Nüchternheit etwas abgenutzt: Seit der Himmelsdruck weg ist, macht der Mensch Druck auf sich selbst. Mit allem haben wir Stress, am meisten mit uns selbst. Weil es eine Rackerei ist, auch selber noch für Sinn zuständig zu sein. Da bietet der Weihnachtsengel metaphysische Entlastung: Fürchtet euch nicht. Es muss nicht schiefgehen. Du bist nicht allein. Musst nur aufhören, dich so aufzuführen.

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