Rachel Crooks (34) musste all ihren Mut zusammennehmen, als sie am Montag vor die Medien trat, um sich mit dem mächtigsten Mann der Welt anzulegen. Crooks erzählte, wie sie vor zwölf Jahren in New York von Donald Trump gegen ihren Willen geküsst und angefasst worden war. Ihre Stimme zitterte, als sie sprach. Dass sie sich überhaupt zu diesem Schritt überwunden habe, liege an der Art und Weise, wie neuerdings über sexuelle Belästigung gesprochen werde. «Ich habe erstmals Hoffnung, dass sich etwas verändern könnte», sagte Crooks.

Dass sexuelle Belästigung nicht mehr länger als Bagatelle hingenommen wird, musste einen Tag nach Crooks’ Auftritt auch der republikanische Senatskandidat Roy Moore im US-Bundesstaat Alabama erfahren. Moore, der mehrere Frauen und Mädchen belästigt haben soll, verlor am Dienstag zur Überraschung vieler Beobachter die Wahl im erzkonservativen Alabama gegen seinen demokratischen Widersacher. Die Message der Wähler war klar: Einen Sex-Täter dulden wir nicht als Senator.

Beide Ereignisse sind eng verknüpft mit der #MeToo-Bewegung, die die Schauspielerin Alyssa Milano nach den Enthüllungen über die sexuellen Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein lanciert hatte. Sie zeigen, dass der Bewegung gelungen ist, was kaum jemand einer Social-Media-Kampagne zugestanden hätte: Sie hat es geschafft, durch das Anprangern von Missständen eine neue Ära einzuleiten, die keine Toleranz mehr kennt für sexuelle Belästigung. Das amerikanische «Time»-Magazine hat die «Silence Breakers» – jene Personen, die über ihre Missbrauchserlebnisse erzählen – in globo zur «Person des Jahres» gekürt. Ohne ihren Mut, schreibt die Redaktion, hätte der Wandel nicht stattfinden können.

Über zurückliegende Übergriffe zu sprechen, ist das eine, zukünftige Übergriffe zu verhindern, das andere. Wie ratlos manche Gremien den Kampf gegen sexuelle Belästigung angehen, zeigte sich am Mittwoch im Schweizer Parlament. Die Verwaltungsdelegation liess ein Merkblatt an alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier verteilen, das die Räte über die Unterschiede zwischen Flirten und sexueller Belästigung aufklären sollte. SP-Nationalrätin Chantal Galladé wertete das Schreiben als Ausdruck einer «totalen Hysterie». Ihre SVP-Ratskollegin Barbara Steinemann schimpfte, der Bund mache mit dem Papier aus selbstbewussten Frauen «devote, hilfsbedürftige Huschelis». Und Roger Köppel sah darin nichts als eine «Realsatire».

Dass der Schritt der Verwaltungsdelegation aber nicht nur ratlos, sondern potenziell gefährlich ist, zeigt ein Blick nach Amerika. Dort ist das «affirmative consent movement» (die «Bewegung der bejahenden Zustimmung») gerade im Vormarsch. Die Aktivisten wollen erreichen, dass Menschen nur noch dann miteinander schlafen, wenn alle Beteiligten zuvor ihre schriftliche, rechtlich bindende Zustimmung dazu abgegeben haben. Niemand soll mehr zum Sex genötigt werden können. Deshalb verteilt die Bewegung seit einiger Zeit «Zustimmungs-Pakete», die neben Kondomen und Bonbons auch einen vorgedruckten Vertrag enthalten, den die Sexualpartner vor dem Geschlechtsverkehr in nüchternem Zustand unterschreiben müssen. Statt auf Papier kann man diesen Vertrag auch mit der App «We-Consent» abschliessen. Dort filmen sich die Sex-Willigen, nennen ihren Namen, das Datum und den Namen jener Person, mit der sie intim werden wollen. Die App speichert die Aufnahme für sieben Jahre. In den Bundesstaaten New York, Kalifornien, Louisiana und Connecticut sind solche Sex-Verträge inzwischen gesetzlich vorgeschrieben. Wer die Formulare vor dem Sprung ins Liebesnest nicht unterschreibt, riskiert, sich wegen sexueller Belästigung strafbar zu machen.

Man kann sich denken, wie diese neue Bürokratie der Lust bei der amerikanischen Bevölkerung ankommt. Auf Youtube kursieren Videos, in denen sich US-Bürger über die Verträge lustig machen und den Versuch, ihr Sexualleben mit Formularen zu reglementieren, verhöhnen. Die Reaktion ist verständlich und gleichzeitig gefährlich. Denn ganz nebenbei fällt die Häme auch auf die Debatte über sexuelle Belästigung: ebenjene Debatte, die die «Affirmative Consent»-Bewegung eigentlich fördern will.

Sex-Verträge nach amerikanischem Vorbild gibt es in der Schweiz bis heute nicht. Das Flirt-Merkblatt ist aber ein erster Schritt in Richtung einer helvetischen Form der verbürokratisierten Liebeslust. Wenn wir diesen Weg weitergehen, riskieren wir als Gesellschaft, dass die wichtige Debatte über sexuelle Belästigung an Ernsthaftigkeit und damit an politischer Macht verliert. Das Schweizer Arbeitsgesetz schreibt genauestens vor, wie Firmen und Verwaltungen ihre Angestellten vor sexueller Belästigung zu schützen haben. Und mit dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau gibt es bereits eine nationale Anlaufstelle für alle Fragen und Sorgen zum Thema. Was wir brauchen im Kampf gegen sexuelle Belästigung, ist eine offene, tabulose Debatte, keine neue Formularflut. Flirt-Merkblätter und Sex-Verträge führen in die falsche Richtung.