Am Anfang der Geschichte des Fremdenortes Zermatt steht der Text eines berühmten Satirikers: Mark Twain beschrieb 1881 im köstlichen Buch «A tramp abroad», wie er mit 17 Bergführern, geschützt von 154 Regenschirmen, den Riffelberg bestieg – immer das Matterhorn vor den Augen: «Ich sass in steinharter Entschlossenheit da, denn im Geiste rang ich bereits mit den Gefahren der Berge. (…) Wir werden zusammen sterben!»

Ohne Matterhorn ist die Geschichte des berühmtesten Skiortes der Welt nicht denkbar: Zermatt und Matterhorn bilden für Reisende eine perfekte touristische Symbiose. Natürlich hat die Natur Zermatt mit diesem Berg über alle Massen verwöhnt. Gleichzeitig haben die Einheimischen aber während über 100 Jahren Tourismus-Geschichte mehrheitlich richtige Entscheide getroffen: Der Auto- und damit abgasfreie Kurort gilt heute als Trendsetter für eine anspruchsvolle, ökologiebewusste Klientel. Zudem verbreitet Zermatt im Gegensatz zu vielen anderen Schweizer Skiorten keine Zweitwohnungs-Friedhofsstimmung – die Tatsache, dass Zweitwohnungen die Konkurrenzfähigkeit der Tourismusorte mindern, gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen.

Mit «Riffelalp», «Zermatterhof», «Mont Cervin», «Julen», «Monte Rosa», «Omnia», «Cœur des Alpes» und vielen anderen Häusern verströmt das Matterhorn-Dorf lebendiges Hotel-Leben statt der Düsternis von Häusern mit verschlossenen Fensterläden unbewohnter Eigentumswohnungen. Eine innovative Hotellerie mit freundlichen, gut bezahlten Menschen garantiert hingegen Konkurrenzfähigkeit: Zermatt und seine Hotels sind dafür ein Beispiel. Diese Art von Berg-Tourismus ist für den Gast nicht billig und eignet sich kaum für den Wettbewerb im Massengeschäft. Umgekehrt sichert sich die einheimische Bevölkerung aber einen volkswirtschaftlichen Mehrwert.

Ebenso wichtig sind Qualität und Ausstrahlung der Gastronomie: In Zermatt verköstigen sich die Skifahrer in den zauberhaftesten Pistenrestaurants der Alpen – mit einer Küchenqualität, die auch den verwöhnten Gast verzückt, der sicherheitshalber bereits am frühen Morgen im «Paradies», im «chez Vrony» oder auf den von den Engländern besonders geschätzten Terrassen der «Fluhalp» reserviert. Der spektakulärste Blick auf das Matterhorn kann aber Liebenswürdigkeit, Dienstleistungsbereitschaft und Sprachenkenntnisse der Angestellten nicht ersetzen – erst durch ihre Kompetenz verbreitet sich der Zauber von Zermatt. Der Gast muss deshalb willens sein, für Leistung zu zahlen!

Die neue Seilbahn der Superlative auf das Klein Matterhorn darf für Zermatt keine Einbahnfahrt in Richtung Massentourismus werden. Mit dem Lötschberg-Tunnel könnte auch Zermatt auf schnell abgefertigte Tages-Touristen setzen, was Aura und Einmaligkeit des Ortes zerstören würde. Zermatt tut deshalb gut daran, seine Preise hochzuhalten. Wer aber teuer ist, muss bereit sein, Ausserordentliches zu leisten: Mit der 52 Millionen Franken teuren Seilbahn auf das 3883 Meter hohe Klein Matterhorn positioniert sich Zermatt weiterhin als der mit Abstand innovativste Berg- und Skiort der Schweiz – losgelöst von selbstmörderischen Preisaktionen, die weder dem schweizerischen Lohn-Niveau gerecht werden noch neue zukunftsträchtige Investitionen ermöglichen.

Deshalb eröffnet Bundesrätin Leuthard heute nicht einfach eine spektakuläre Bahn für Ski-Freaks mit Sicht auf den berühmtesten Berg der Welt: Diese Bahn bildet vielmehr eine Wegmarke, in welche Richtung sich ein erfolgreicher, global konkurrenzfähiger Schweizer Tourismus entwickeln muss, wenn er volkswirtschaftlich und ökologisch seine Zukunft sichern will.

Die Zermatter haben sich mit ihrer Erfolgsgeschichte aus schrecklicher Armut befreit; mit ihren 25 Kabinen, die an einem Zugseil von 7930 Meter Länge hängen, setzen sie einen neuen Massstab. Der Bauleiter des Projekts, Anton Lauber, feiert heute zusammen mit den Arbeitern einen ausserordentlichen Tag: Ohne grosse Unfälle, in eisiger Kälte und bisweilen intensivem Schneefall vollbrachten sie eine Meisterleistung: «Die extremen Witterungsverhältnisse mit Windgeschwindigkeiten bis zu 240 Stundenkilometern waren eine Herausforderung – ebenso die internationale Zusammenarbeit: Alle Baugesuche mussten wir sowohl in Italien wie in der Schweiz einreichen. Aber wir haben es geschafft!» Pünktlich auf die nächste Skisaison – eine Wintersaison, in der dank dem «Matterhorn Glacier Ride» Menschen aus aller Welt einen neuen Blick auf das ewig alte Matterhorn werfen werden.