Verunsicherung und Ängste liegen in der Luft; Wutbürger dominieren die Meinungsbildung; das Misstrauen gegenüber Politik und Verwaltung wächst – in Deutschland genauso wie in Frankreich. Der Europäischen Union fehlt eine demokratische Legitimation: Zu weit sind Brüssel und seine viel gescholtene Bürokratie entfernt von den Menschen. Hinzu kommt die Angst vor Mord und Totschlag religiöser Fanatiker. Die liberale Demokratie mit Bürgern, die sich mitverantwortlich fühlen, befindet sich auf dem Prüfstand.

Und in dieser gesellschaftlichen Stimmung verbreitete sich die Meldung aus Hamburg: Nach zehn Jahren Bauzeit wurde für 800 Millionen Euro der spektakulärste Konzertsaal der Welt eingeweiht – mit einem wunderbaren Konzert, das live in die ganze Welt übertragen und von Millionen Menschen mitgehört wurde. Die globale Freude darüber ist auf drei Gründe zurückzuführen.

Erstens – die Rolle der Architektur: Die Menschen wollen nicht einfach das Gewohnte, Bisherige, Traditionelle erhalten. Sie sind bereit, sich zu freuen an neuen architektonischen Wahrzeichen – auch wenn um sie gestritten und gekämpft werden muss. Am Kölner Dom wurde 632 Jahre gebaut, bis er beendet war – über 100 Jahre wurden die Bauarbeiten gar eingestellt. Die Betonschalen des Opernhauses von Sydney mussten zwölf Mal neu entworfen werden, die Baukosten stiegen von 3,5 auf 50 Millionen australische Pfund; gleichzeitig zerstritten sich die Bauherrschaft und der dänische Architekt Jorn Utzon: Er sollte nie mehr nach Australien zurückkehren. Dank ihm erhielt Sydney, wie jetzt auch Hamburg, eine neue Skyline. Die Menschen sind bereit, eine Massstäbe setzende, wagemutige Architektur zu akzeptieren, wenn die Planer – bei aller Kühnheit – an die betroffenen Menschen denken. Der geniale Architekt Jacques Herzog formulierte in Hamburg folgende Erkenntnis: «Der Architekt spielt jetzt keine Rolle mehr, es sind die Nutzer und Benutzer, die es lebendig erhalten.»

Zweitens – die Rolle der Kultur: Wir leben in einer Epoche der Individualisierung; wir laden unsere Filme, Musik, Literatur und Reden herunter, wenn wir Lust darauf haben – Kultur hat sich unserem Zeitplan anzupassen. Gleichzeitig eilen wir erwartungsvoll zu kollektiven Anlässen, vorher bestellen wir Tickets und anschliessend Tische in Restaurants, um gemeinsam das Erlebte zu besprechen. Deshalb sind Museums- und Konzerthaus-Bauten wie in Aarau oder Chur, in London oder Paris so attraktiv: Menschen im individualistischen Zeitalter freuen sich auf gemeinsame Erlebnisse. Gleichzeitig entwickeln sich diese Kulturbauten zu identitäts- und heimatstiftenden Institutionen. Die Konzerte in der Elbphilharmonie während der nächsten acht Monate sind bereits ausverkauft: Der Wunsch, massgebende Kultur an Ort und Stelle zu erleben, ist längst Teil der Lebensgestaltung. Darin äussert sich auch der Wille, einen Kontrapunkt zu vulgärem Stil, abdriftendem Massengeschmack und schlichtem Opportunismus zu setzen. Die beiden Basler Architekten, welche die Elbphilharmonie entwarfen, sind zweifellos Teil einer Elite – ebenso wie der Dirigent Thomas Hengelbrock und seine Musiker. Die Elbphilharmonie ist deshalb auch ein Zeichen, wie sehr sich Menschen an anspruchsvollen Höchstleistungen freuen – gerade in einer Zeit,
in der Primitivität im Auftritt als «mutiges Zeichen» der Distanz zur Elite gefeiert wird. Die Eröffnung der Elbphilharmonie als Werk einer freiheitlichen, kultivierten Gesellschaft fand gleichzeitig mit dem ersten wutschnaubenden Auftritt des neuen amerikanischen Präsidenten statt. Solche Kontrastprogramme sind wichtig, um die Wertvorstellungen zu definieren.

Drittens – die Rolle der Politik: Die Realisierung der Elbphilharmonie ist ein Lehrstück kommunaler Führungsstärke – gerade weil der Bau erst massiv verspätet und zehnmal teurer als budgetiert beendet werden konnte. Nachdem der mittlerweile zurückgetretene Bürgermeister Ole von Beust die Idee der Elbphilharmonie lanciert hatte, war es sein Nachfolger Olaf Scholz, der 2010 nochmals über 200 Millionen Euro zu investieren wagte – ungeachtet des Gespötts. Scholz hat Leadership gezeigt. Politik lebt von Symbolen: Die Elbphilharmonie ist ein solches Symbol. Sie ist auch ein Zeichen für die ruhige Kraft Deutschlands, in schwierigen Zeiten berechenbar Probleme lösen zu wollen. Unsere Gross- und Urgrosseltern hätten sich wohl immer gewünscht, dass Deutschland von Bürgern bewohnt wird, die ihr Land zum einem Zentrum der liberalen und kultivierten Welt entwickeln. Solche Nachbarn haben wir jetzt. Der Bau der Elbphilharmonie ist für uns Schweizer deshalb ein weiterer Grund, mit Respekt über die Grenze zu blicken und das Nachbarland zu bereisen. Die Deutschen verdienen Respekt – und unsere Zuneigung.