Lieber Peter, du weisst, ich schätze dich sehr. Nicht, weil sich gut stellt, wer solches zum Ausdruck bringt, sondern schlicht, weil es so ist. Dank gemeinsamer Zeiten, als wir beide noch an der staatlichen Krippe standen. Du in Aarau, ich in Solothurn, beide nicht zu knapp. Damit trugen wir natürlich nicht zur Senkung der Staatsquote bei, wie dies Avenir Suisse immer wieder verlangt. Auch habe ich dein offenes Wort immer gern vernommen. Ganz in deinem Sinne möchte ich nun Gegenrecht halten und mit meiner Meinung hier nicht hinter dem Berg bleiben.

Avenir Suisse, dieser liberale Olymp, ist sicher notwendig. Ansichten aus dieser Richtung beleben das politische Tagesgeschäft. Nichts auch gegen pointierte Standpunkte. Wie man allerdings in den Wald ruft, so tönt es dann oft zurück. Heute möchte ich einer dieser Rufer sein, in der leisen Hoffnung, du mögest meine Schreibe nicht als Stammtischpolemik abtun.

Wir gehören beide der gleichen Partei an, die – so war das Usus, mindestens zu meinen aktiven Berner Zeiten – unterschiedliche Standpunkte zugelassen hat. Vermutlich bist du dort heute beliebter, als ich es bin. Seit von hoher Warte festgestellt wurde, dass Bauern nicht nur weniger kosten, sondern sich vermehrt wieder der CVP zuwenden sollten. Allerdings sind die meisten nie von dort gekommen. Wie dem auch sei – du fällst nicht zum ersten Mal über die Bauern her, wie ich es so nicht erwartet hätte.

Ich bin weit davon entfernt, alles, was in der Agrarpolitik geschieht, als gut und Gott gegeben zu betrachten. Entschuldige – aber deine Vergleiche mit Australien und Neuseeland hinken. Wie ein altes Pferd, das zeitlebens über harte Strassen traben musste. Selbstverständlich sind solche Vergleiche dein gutes Recht. Und mein Recht ist es, deinen Standpunkt aus meiner Optik vertieft zu betrachten. Die Forderung nach mehr Professoren und weniger Bauern ist eine Gleichung, die alle verstehen. Allerdings wird diese unterschiedlich interpretiert. Du weisst so gut wie ich: Es gab schon Professoren, die ihr Geld nicht wert waren. So wie es Bauern gibt, die sich nicht immer so verhalten, wie man es erwarten dürfte. Weisst du, wie viele Notmassnahmen in den von dir erwähnten Ländern ergriffen werden musste, damit Bauern nicht Konkurs gingen? Da sind dann plötzlich andere betroffen – die Banken, das Gemeinwesen, alle jene, die direkt oder indirekt von Bauern leben.

Vielleicht wäre es verdienstvoll, auch die Kehrseite zu betrachten: die Produktionskosten, die Umweltauflagen oder ganz einfach die Agrarbürokratie. Wieso werden nicht auch die Kosten für die Sozialpolitik verglichen, die Gesundheitspolitik, das Asylwesen? Der Grund ist einfach: Wir haben es hier mit einem fein austarierten, politisch breit abgestützten System zu tun. Das zu gefährden, würde bedeuten, wesentliche Erfolgsfaktoren unseres Landes infrage zu stellen. Kaum jemand will dies wirklich, ich auch nicht. In dieser Lage bieten sich die Bauern als Prügelknaben direkt an.

Auch der Vorschlag, den Beruf des Landschaftsgärtners zu schaffen, hat etwas Unwirkliches an sich. Dass die Landschaft in unserem Land immer noch lebenswert ist, hat nicht nur, aber auch mit den Bauern zu tun. Jahrzehntelang wurde dergleichen über die Produzentenpreise teilweise abgegolten. Jetzt, da sich dies dem EU- Niveau nähert, erhalten die Bauern direkt oder indirekt etwas für diese Leistungen. Damit hat eine Lastenverschiebung vom Konsumenten zum Steuerzahler stattgefunden. Über diesen agrarpolitischen Kompromiss kann man in guten Treuen unterschiedlicher Auffassung sein. Allerdings hat dieser seinen Niederschlag in der Bundesverfassung gefunden; das soll auch künftig uneingeschränkt Gültigkeit haben.

Als ehemaliger Staatsschreiber weisst du, dass die Neuausrichtung der Agrarpolitik unter wesentlicher Mithilfe der Kantone erfolgte, die auch künftig eine bedeutende Rolle spielen sollen. Es gibt auch einen anderen Verdacht, den ich dir nicht unterschieben möchte: die alte Weisheit der Artilleristen nämlich, nach der auch eine zurzeit als uneinnehmbar geltende Festung durch ständigen Beschuss sturmreif geschossen werden kann.

Wie dem auch sei: Ich bin meinen Ärger losgeworden. Ich weiss, dass nicht alles so gemeint war, wie es bei mir angekommen ist. Auseinandersetzungen müssen im Dialog enden. Meinerseits wollte ich etwas dazu beitragen.

Christian Wanner – Der Meisterlandwirt aus Messen war bis 2013 solothurnischer Finanzdirektor und Präsident der Finanzdirektorenkonferenz. Er ist Mitglied im Publizistischen Ausschuss der AZ Medien.