Schon bald wird der Fall Yilmaz einem guten Ende zugeführt sein: Auf die Ablehnung der jungen Einbürgerungskandidatin mit türkischen Eltern wird mit grösster Wahrscheinlichkeit am 18. Oktober doch noch der Einbürgerung zugestimmt werden. Ende gut, alles gut? Der Fall zeigt mehrere Fragwürdigkeiten auf, die mit dem Korrigieren des Fehlers nicht aus der Welt geschafft sind. Gelobt werden der Mut und die Beharrlichkeit, womit die Kandidatin – mit der nötigen Unterstützung durch ihre Umgebung – gegen einen offensichtlichen Fehlentscheid angekämpft hat. Braucht es im gegenwärtigen System diese Eigenschaften, damit zugesprochen wird, was Einbürgerungswilligen eigentlich zustehen sollte? Was ist mit denen, die sich in anderen Fällen die Ungerechtigkeit haben gefallen lassen? Oder mit denen, die wegen des Risikos einer solchen Behandlung das Verfahren gar nicht antreten? Muss man mutig und kampfeswillig sein, damit man eines roten Passes würdig ist?

Politische Gesinnung darf kein Kriterium sein für die Schweizermacher

Die 92 Fragen, die sich die junge Frau nach positivem Eignungstest gefallen lassen musste, zeugen von der Arroganz, mit der Naturalisierungsverfahren noch immer abgewickelt werden. Typische Schweizer Sportarten? Ist eine richtige Antwort auf diese Frage relevant für die Verleihung der Staatsbürgerschaft? Und warum soll «Schwingen» eindeutig richtiger sein als «Skifahren»? Relevanter könnte im konkreten Fall die Einstellung einer künftigen Schweizerin zum türkischen Staatspräsidenten Erdogan sein. Die Frau hat da allerdings «gut» geantwortet, das heisst eine kritische Meinung zur Entwicklung des Diktators abgegeben. Doch auch diese Frage betrifft einen Aspekt, der die Schweizermacher schlicht nichts angeht. Politische Gesinnung darf nach bestehendem Rechtsverständnis kein Kriterium für einen Entscheid sein, der die Integration beurteilen sollte.

Der Fall zeigt, dass einzelne Einbürgerungsverfahren noch immer Massstäbe ansetzen, denen viele Schon-immer-Schweizer, die das Bürgerrecht in die Wiege gelegt bekommen, ohne dafür etwas geleistet zu haben, nicht genügen würden. Und er offenbart eine falsche Grundeinstellung: Versteht die Einbürgerung immer noch als einseitiges Geschenk und übersieht, dass Einbürgerungswille eine als Mehrwert zu würdigende Zugehörigkeitsbereitschaft enthält. Bekanntlich leben über 800'000 Menschen in der Schweiz, die über die Einbürgerungsbedingungen des Bundes verfügen, sich aber nicht einbürgern lassen. Für Secondos sollte bei Erreichen der Volljährigkeit die Umkehr der Integrationsvermutung gelten: die automatische Feststellung der staatsbürgerlichen Zugehörigkeit, sofern nicht gravierende Gründe dagegen sprechen.

Einbürgerung wird noch immer als Geschenk dargestellt

Im Weiteren zeigt der Fall, dass die Gemeinden in dieser Sache eine Zuständigkeit haben, die nicht sachgerecht ist. Die Abhängigkeit von der lokalen Politik schafft im Guten wie eben auch im Schlechten Tatsachen für die ganze Schweiz. Den Einbürgerungswilligen sei geraten, nicht in Gemeinden wie Buchs anzutreten, sondern es in Verbindung mit einer zweijährigen Präsenzzeit in einbürgerungsfreundlicheren Gemeinden zu versuchen. Einmal eingebürgert und zum «Landeskind» geworden, können sie sich niederlassen, wo sie wollen – sogar in Buchs. Den Nochausländern sollte eine Schweizer Karte mit schwierigen Gemeinden zur Verfügung stehen, damit sie wissen, welche Orte zu meiden sind. Zum Beispiel eben Buchs, die Gemeinde, die schon 2007 vom Bundesgericht zurechtgewiesen werden musste, weil der Einwohnerrat (gegen Antrag des Gemeinderats) mit 19:15 Stimmen eine Kandidatin wegen des Kopftuchs abgelehnt hat. Der Buchser Gemeinderat setzte sich jetzt zwar löblich für die Einbürgerung der jungen Frau ein. Zugleich ergeht er sich aber in einseitiger Kritik, wenn er von einem «völlig unangemessenen Medienhype» spricht, der nicht «zur Stärkung des Ansehens der Gemeinde» beigetragen habe. Offenbar hat der Fall tatsächlich hohe Wellen geworfen (bis nach China). Verursacher sind aber nicht einfach die Medien, sondern die eigenen Instanzen, die man aber öffentlich nicht kritisieren darf: die Einbürgerungskommission und der Einwohnerrat.

Rolf Lyssy hat schon 1978 mit dem Film «Die Schweizermacher» der Nation den Spiegel vorgehalten. Der Film ist noch heute ein sensationeller Erfolg. Offenbar kann man über sich selber lachen. Weniger zum Lachen ist aber, dass noch immer da und dort die alte Mentalität am Werk ist.

«Ich war extrem nervös»

Ausschnitte aus der Sendung «TalkTäglich» mit Funda Yilmaz und SVP-Asylstratege Andreas Glarner.(26.6.2017)