In Jonathan Swifts «Gullivers Reisen» begegnet der Held Lemuel Gulliver auf der Insel Luggnagg auch einer seltsamen Unterspezies des Menschen, den sogenannten «Unsterblichen» oder Struldbrugs. Gulliver ist anfänglich verzückt: «Unvergleichlich glücklich sind jene vortrefflichen Struldbrugs (. . .), die, durch Geburt von jenem allgemeinen Unglück der menschlichen Natur ausgenommen, einen freien und ungefesselten Geist besitzen, ohne die Belastung und Niedergeschlagenheit, die von der Furcht vor dem Tode verursacht wird.»

Gulliver hätte sich nicht gründlicher irren können. Die Struldbrugs sind ein elender Menschenschlag. Ein Fleck auf der Stirn stigmatisiert sie schon bei der Geburt, sie altern zwar wie die anderen Menschen, aber sterben nicht und werden im Alter von 80 Jahren für offiziell tot erklärt. Senil, hinfällig, nutz- und alterslos, ausgestossen und ungeliebt führen sie eine erbärmliche Existenz in Luggnagg. Ernüchtert, ja, beschämt zieht Gulliver seine Lehre aus dieser Begegnung mit der Unsterblichkeit: «Der Leser wird mir ohne Frage glauben, dass mein starkes Verlangen nach ununterbrochener Fortdauer des Lebens durch das, was ich gehört und gesehen hatte, sehr nachgelassen hatte. Ich fing an, mich der angenehmen Wunschbilder, die ich ersonnen hatte, von Herzen zu schämen, und ich dachte, kein Tyrann könne einen Tod erfinden, in den ich nicht mit Freuden aus einem solchen Leben gehen würde.»

Springen wir über zwei Jahrhunderte von Swift zu Karel Čapek, dem wir den Begriff «Roboter» verdanken. 1922 schrieb er das Stück «Die Sache Makropulos». Die sardonische Komödie spielt die Möglichkeit biotechnischer Lebensverlängerung durch. Die «Sache» ist eigentlich eine Fomel für ewiges Leben. Der Arzt Hieronymus Makropulos entwickelt um die Mitte des 16. Jahrhunderts diese Formel für den Habsburger Kaiser Rudolf II. Seine 16-jährige Tochter Elena dient als Versuchsobjekt. Das Mittel zeitigt Wirkung. Elena bleibt jung. Rund 300 Jahre später ist sie allmählich des Lebens satt, sie hält die Formel für nutzlos und verbrennt sie. Endlich ist sie von der Ödnis der Unsterblichkeit erlöst. Die Geschichte ist durch die gleichnamige Oper von Leoš Janáček berühmt geworden.

Zwei literarische Zeugnisse aus dem reichen Fundus menschlicher Fantasien über Unsterblichkeit, und zwar Zeugnisse eines tiefen Unbehagens, nicht am Tod, sondern am ewigen Leben. Der Aktualitätsbezug ist offensichtlich. So hat einerseits die Biotechnologie heute ein Entwicklungsstadium erreicht, das künstlich verlängertes Lebens realisierbar erscheinen lässt. Google steckt einen Drittel seines Milliardenbudgets für Forschung in Projekte mit Schwerpunkt Lebensverlängerung und Vergreisungsverhinderung. Andererseits tragen sich die Computerwissenschaften mit der Idee, die Biologie schlichtweg zu überwinden. Für die Biologie-Überwinder ist der Körper im Wesentlichen ein Computer mit dem Genom als organischer Hardware. Wie dies ein Hedgefonds-Manager ausdrückte: «Altern ist codiert. Wenn etwas codiert ist, dann kann man den Code knacken. Und wenn man den Code knacken kann, kann man ihn auch hacken (manipulieren).»

Vermutlich verrät der Wunsch nach Unsterblichkeit eher den Wunsch nach Sterblichkeit zum richtigen Zeitpunkt. Wir erheben mit ihm den Anspruch auf Sterbeautonomie. Der Tod ist gewiss, der Zeitpunkt des Sterbens ungewiss. Er läuft vor uns her. Das ganze Leben ist, wie das Martin Heidegger nannte, ein «Vorlaufen» zum Tode.

Die harsche Lebensbanalität ist heute schlicht die, dass der Tod für die meisten von uns zu früh oder zu spät kommt, nicht zum richtigen Zeitpunkt. Zu früh, wenn wir noch nicht bereit sind zu gehen; wenn wir das Gefühl haben, etwas fehle noch. Zu spät, wenn wir schon zu weit gegangen sind, die Schwelle zu einer kaum noch lebenswürdigen Existenz überschritten haben. Hand aufs Herz, viele alte Menschen führen heute sozusagen ein Struldbrug-Leben und viele wissen es auch. Nichts erscheint ja eigentlich entwürdigender als diese nicht mehr selbstbestimmte Alters-Existenz in Sanatorien, Kliniken und Altersheimen, dieses verlängerte Welken und Warten von medizinaltechnischen Gnaden – ein Nicht-Leben, schlimmer als der Tod. Diese Menschen sterben nicht, würde Heidegger sagen, sie leben einfach ab.

Gewiss, die Seneszenztechnologie eröffnet die Aussicht darauf, dem Sensemann ein Schnippchen zu schlagen. Die Langlebigkeitsforschung geht von der Grundannahme aus, dass Altern eigentlich ein Pfusch der Evolution ist. Wir stehen auf der Schwelle zu einem Zeitalter der Gen-Therapie. Das Suchen nach Genen der Langlebigkeit erinnert einen mitunter an einen neuen Goldrausch. Allerdings warnen Wissenschafter, dass die Identifikation von Genen ein schwieriges Unterfangen darstelle; so etwa der Molekulargenetiker George Church von der Harvard University: «Das Problem liegt darin, dass Grönlandwal, Kapuzineraffe oder Nacktmull, die weitaus länger leben als ihre nächsten Verwandten, sich von diesen Verwandten durch eine grosse genetische Distanz (Millionen von Basenpaaren in der DNA) unterscheiden.» Wir könnten also nicht einfach einen einzigen Mechanismus von der Schildkröte ausborgen, um wie sie zweihundert Jahre alt zu werden. Wir müssten uns selbst «verschildkröten». Im Klartext: Der genetisch veränderte langlebige Mensch hätte sich womöglich von der Gattung verabschiedet. Oder individuell gewendet: Ich, der ich in 300 Jahren sein werde, wäre nicht mehr die gleiche Person. Ich wäre dann wirklich «trans».

Aber einmal angenommen, wir besässen ein Elixier, das unser Leben beliebig verlängern könnte, dann stellte sich immer noch die Frage nach dem Sinn solcher Verlängerung. Der Wunsch nach unendlichem Leben hat quasi eine Dialektik eingebaut, die hilft, unsere Endlichkeit schätzen zu lernen. Weil zu dieser Endlichkeit auch immer unerfüllte Wünsche gehören, liesse sich sagen, dass ein Leben dann sinnvoll ist, wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen.

Nun gibt es freilich Wünsche und Wünsche, bedingte (kontingente) und unbedingte (kategorische), nach einer Unterscheidung des Philosophen Bernard Williams. Wenn man krank ist, hat man den (bedingten) Wunsch nach Heilung; wenn man hungrig ist, hat man den Wunsch nach Nahrung; wenn man mittellos ist, den Wunsch nach etwas Geld. Auch der Wunsch nach Annehmlichkeiten fällt in diese Kategorie, etwa, wieder einmal ein Konzert zu besuchen, eine Kreuzfahrt zu unternehmen, aufregenden Sex zu haben. Solche Wünsche sind durch kontingente Umstände bedingt, sie sind austauschbar, das heisst, sie dauern nicht ein Leben lang.

Im Gegensatz dazu gibt es unbedingte Wünsche. Sie hängen nicht von irgendwelchen Kontingenzen des Lebens ab, sie geben vielmehr unserem Leben Kohärenz. Zum Beispiel möchte ein Autor den Roman, ein Komponist das Stück seines Lebens schreiben; oder jemand möchte, dass sich die Menschenrechte in seinem diktatorisch regierten Land durchsetzen; oder jemand möchte zusehen, wie seine Kinder gedeihen. Solche Wünsche sind womöglich lebenslänglich, das heisst, in einem bestimmten Leben nicht ohne weiteres austauschbar. Und gerade weil unser Leben endlich ist, erhalten solche Wünsche eine existenzielle Dringlichkeit und Signifikanz.

Der Punkt ist der, dass solche Wünsche in einem Leben oft unerfüllt oder nicht ganz erfüllt bleiben, aber dadurch einen unbedingten Grund abgeben, weiterzuleben. Wären wir unsterblich, hegten wir schliesslich keine unbedingten Wünsche mehr, weil wir uns ja gar nicht um unsere Lebenszeit sorgen müssten und schliesslich alles erlebt hätten (vorausgesetzt, wir besässen die nötigen Fähigkeiten zur Wunscherfüllung, aber das ist ein anderes Problem). Und alle unsere bedingten Wünsche wären wohl auch einmal erfüllt. – Und was kommt danach? Eine nichtendenwollende Cocktail-Party unter Struldbrugs, mit dem einzig verbliebenen Drang nach einem weiteren Drink. Geniessen kann man den auch nicht wirklich. Und die andern Struldbrugs gehen einem sowieso schon unendlich auf den Geist.