Fahrländer

Landeskirche: ein veraltetes Privileg?

Gelockerte Reihen: Die Zahl der Kirchenaustritte ist in vielen Kantonen gestiegen. Betroffen sind die Reformierte und auch die Römisch-Katholische Landeskirche. (Symbolbild)

Gelockerte Reihen: Die Zahl der Kirchenaustritte ist in vielen Kantonen gestiegen. Betroffen sind die Reformierte und auch die Römisch-Katholische Landeskirche. (Symbolbild)

In letzter Zeit mehrten sich in den Medien Beiträge, welche die Abschaffung – oder die Ausdehnung – des staatlichen Privilegs «Landeskirche» fordern. Denn zum einen drohe den traditionellen Landeskirchen durch viele Austritte ein Bedeutungs- und Legitimationsverlust. Zum anderen lebten heute Angehörige verschiedenster Religionen in der Schweiz – wenn schon staatliche Anerkennung, warum dann nicht auch für andere, zum Beispiel für Muslime? Hinweise auf rechtliche Defizite im Islam – Scharia, Dis-kriminierung der Frau – werden mit Hinweisen auf Defizite im Katholizismus gekontert: Missbrauchsfälle, Benachteiligung der Frauen in kirchlichen Ämtern.

«Landeskirche» ist ein etwas irre- führender Begriff. Denn in der Schweiz sind Landeskirchen zumeist Kantonalkirchen. Der landesweite Überbau ist schwach ausgeprägt, die staatliche Anerkennung verleiht der kantonale Verfassungsgeber. Im Aargau sind die evangelisch-reformierte, die römisch-katholische und die christkatholische Kirche anerkannt. In der Tat leben bei uns mehr Muslime (zirka 40 000) als Christkatholiken (zirka 15 000).

Die Landeskirchen als öffentlich-rechtliche Körperschaften sind im Aargau vom Staat getrennt. Gemäss den Kirchenartikeln von 1927 unterstehen sie nicht dem Staat, wohl aber dem kantonalen Recht. Dieses verpflichtet sie zum Beispiel zur Organisationsform der Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Judikative). Der Staat zahlt ihnen keine Beiträge, sie geniessen allerdings gewisse Privilegien, zum Beispiel den Steuereinzug durch den Staat.

Abschaffung des Sonderstatus «Landeskirche», Ausdehnung auf mehr oder alle Kirchen oder Beibehaltung des Status quo? Zahlen allein können diese Frage jedenfalls nicht entscheiden. Natürlich auch nicht Geschichte und Tradition allein. Trotzdem befürworte ich vorderhand den Status quo. Ich bin gegen die Abschaffung der staatlichen Anerkennung, weil sie die demokratische Organisationsform garantiert und allfälligen fundamentalistischen Strömungen einen Riegel schiebt. Es gibt diese sowohl in der katholischen Kirche (ein Blick ins Bistum Chur genügt) wie auch in der reformierten (Stichwort Evangelikale). Vogelfreie Kirchen sind kein erstrebenswertes Ziel. Ich bin aber auch gegen eine Anerkennung des Islam. Die Mehrheit der hier lebenden Muslime respektiert voll unsere Werte und unsere Rechtsordnung. Doch für eine radikale Minderheit gilt dies nicht. Wie gross wäre ihr Einfluss beim Aufbau einer Landeskirche? Wir brauchen noch mehr Wissen und mehr Verlässlichkeit.

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