Was haben wir gescherzt vor eineinhalb Jahren: Trump wird der Welt den Krieg erklären – via Twitter! Wirklich geglaubt haben das die wenigsten. Was zu Beginn von Trumps Amtszeit noch als Witz gemeint war, sieht heute so aus: «Russland schwört, alle Raketen abzuschiessen, die auf Syrien abgefeuert werden. Macht euch bereit Russland, denn sie werden kommen, nett und neu und schlau!» Diese Botschaft war am Mittwoch auf dem präsidialen Twitter-Account zu lesen.

Nun kennen wir ja Trump, könnte man einwenden. Da ist Eskalation an der Tagesordnung. Dass der Präsident impulsiv zu Werke geht, wissen wir. Warum sollen wir jetzt besorgt sein? Ob Trump seinem Tweet Taten folgen lässt, wissen wir – Stand Donnerstagabend bei Redaktionsschluss dieser Zeitung – nicht. Vielmehr ruderte er zurück und schrieb, eine Attacke auf Syrien könne «sehr bald» erfolgen, oder «überhaupt nicht so bald». Nun gut. Egal, wie es kommt: wir sollten uns Sorgen machen. Das hat gar nicht mal so sehr mit Trumps sprunghafter Persönlichkeit zu tun. Sondern vielmehr damit, dass er etwas Grundsätzliches in der Weltpolitik verändert. Nicht nur, aber auch, per Handy.

Trumps tödlicher Seiltanz

Stellen wir uns die Weltpolitik als grosses Zirkuszelt vor. Ganz oben, unter der Kuppel, ist ein Drahtseil gespannt. Dort finden sie statt, die Treffen von Putin, Erdogan und Rohani, sowie die Nahost-Gipfel mit Israelis und Palästinensern. Auch Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un tänzeln ganz oben unter der Kuppel, wenn sie sich zu ihrem anstehenden Spitzentreffen zusammenfinden.

Aktuell steht dem amerikanischen Präsidenten indes ein anderer gegenüber: Während Trump am westlichen Ende wartet, steht im Osten Putin. Dieser hat bereits einige Schritte in Richtung Mitte gemacht, indem er seine Armee in Syrien aufmarschieren liess. Wenn das Ziel darin besteht, das andere Ende des Seils zu erreichen, kann man annehmen, dass es für unsere beiden Seiltänzer irgendwann recht problematisch wird. Nämlich dann, wenn sie direkt aufeinandertreffen. Ob nun «sehr bald», oder «überhaupt nicht so bald».

So weit also zur Ausgangslage. Nun ist es im Normalfall so, dass die Seiltänzer aus dem Ensemble der Weltpolitik um die Gefahren wissen, die auf dem Hochseil auf sie warten. Das grösste Problem ist die Fallhöhe. Je mehr auf dem Spiel steht, etwa wenn zwei feindselig gestimmte Nuklearmächte in einem Konflikt verwickelt sind, desto höher hängt das Seil. Jeder Fehltritt wäre fatal. Weil niemand runterfallen will – so viel Rationalität unterstellt man Staatenlenkern für gewöhnlich –, sorgen die Artisten in der Regel vor: Sie spannen Sicherheitsnetze auf, um die Fallhöhe zu reduzieren. Diesen Vorgang nennt man: Diplomatie. Durch viele Gespräche im Vorfeld kennt man die Bedürfnisse des anderen, seine roten Linien und die Punkte, die ihm wehtun. Wenn sich die Staats- und Regierungschefs am Ende des langen diplomatischen Weges persönlich aufmachen in Richtung Kuppel ist zwar das Risiko eines fatalen Unfalls nicht vollständig ausgeräumt. Aber es ist auf ein Minimum reduziert. Der Seiltanz wird berechenbarer.

Höherer Einsatz, weniger Sicherheit

Im Zirkus Trump sieht es anders aus. Seit der selbst ernannte «Dealmaker» im Weissen Haus sitzt, ist der Weltpolitik-Zirkus keine fröhliche Familienunterhaltung mehr. Denn Trump verzichtet in seinem Zirkus auf Netze und doppelte Böden. Und gleichzeitig hat er nach oben hin ausgebaut – und das Seil in einer Höhe gespannt, wo es seit Jahrzehnten nicht mehr war.

Es fehlen US-Diplomaten überall, im Aussendepartement war zeitweise die Pressesprecherin die zweithöchste Offizielle (nach Aussenminister Rex Tillerson, der von seiner Entlassung später via Twitter erfahren hat). Es gibt immer noch keinen US-Botschafter in Südkorea, der als Anlaufstelle für alle möglichen Abklärungen im Vorfeld des Trump-Kim-Gipfels dienen könnte. In Trumps Augen ist diese chronische Unterbesetzung durchaus sinnvoll. Denn je weniger Absicherung, desto freier ist der Tänzer. Wenn dieser seine Fähigkeiten jedoch überschätzt, kann die Nummer im Desaster enden. Dank Twitter braucht Trump nicht mal einen Gipfel oder Staatsbesuch, um einen tödlichen Seiltanz anzufangen. Er kann das – und er tut das – jederzeit und unkontrolliert vom eigenen Bett aus.

fabian.hock@azmedien.ch