Immerhin volle zwei Minuten bleiben mir an diesem Feierabend. Eine fast schon komfortable Situation. Für meine Verhältnisse, meine ich. Zwei Minuten, um den Oltner Bahnhof zu durchqueren, aufs Perron der Geleise zwei und drei zu stürmen und den 17.59 Uhr Zug nach Zürich zu erwischen. In zwei Minuten bewältige ich diese Strecke üblicherweise im Schlaf.

Nur: Der Taktfahrplan macht mir einen Strich durch die Rechnung. Als ich mich die Treppe zur Unterführung runterstürze, erblicke ich vor mir eine mit Pendlern überfüllte Hardegg-Unterführung. Wie eine Tsunamiwelle bricht die Menschenmasse über mich herein. Erinnerungen an Schilderungen aus U-Bahnstationen, wie man sie in Japan kennt, werden wach.

Ich werfe mich also in die unaufhaltsam vorwärts schiebende Menge, schlängle mich meinerseits Meter für Meter gegen den Strom vorwärts Richtung Perronaufgang. Stosse mich dabei an irgendwelche Zugsreisende. – Ausgepumpt erreiche ich den Handlauf, ziehe mich daran die Stiege hoch. – Hinter mir knallt die Zugtür zu. Geschafft!

Ausser Atem setze ich mich ins Abteil. Hastig schäle ich mich aus meinem Wintermantel, ziehe mir den verschwitzten Schal über den Kopf – als ich plötzlich aus dem Augenwinkel herrenlose blaue Kopfhörer an meinem roten Rucksack baumeln sehe.

Ja, der Taktfahrplan bringt den Oltner Bahnhof an seine Kapazitätsgrenze und macht Besitzlose zu Besitzern. Darum von mir eine aufrichtige Entschuldigung an jenen, dem mein Rucksack im Gedränge die Kopfhörer entrissen hat.