Die Spanier sind rückständige, faschistische Imperialisten oder die Katalanen sind gesetzlose, egoistische Revisionisten; diese beiden Meinungen kursieren durch die Presse und sozialen Medien Europas, seitdem Europa den Konflikt in seinem Südwesten entdeckt hat. Sie können sich einer der beiden Meinungen anschliessen und weiterblättern, um sich den anderen Problemen der Welt zu widmen. Da ich jedoch die Angelegenheit mit grosser Trauer und Sorge seit vielen Jahren mitverfolge, kann ich mich keiner der beiden Seiten anschliessen und schon gar nicht weiterblättern.

Spanien hat eine unglaublich bewegte Geschichte, die alleine in den letzten zwei Jahrhunderten neun Könige aus drei Königshäusern, zwei Republiken, einen Unabhängigkeitskrieg in eigener Sache, ein Dutzend Unabhängigkeitskriege gegen sich, drei Militärdiktaturen, ein halbes Dutzend Revolten und Revolutionen, einen Krieg gegen die USA, einen gegen Portugal, jahrzehntelange Scharmützel in Nordafrika und fünf im Amt ermordete Regierungschefs hervorgebracht hat. Jede spanische Familie betrauerte in den letzten Generationen Dutzende von Kriegs- oder Terroropfern. Dies, obschon Spanien an den beiden grossen Weltkriegen gar nicht teilgenommen hat. Diese Ausgangslage zeigt, dass es auch im aktuellen Konflikt nicht einfach Gute und Böse geben kann. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Labyrinth aus Emotionen, Schuldzuweisungen, persönlichen Erlebnissen, Familiengeschichten und mehr oder weniger korrekten Reisen durch Zeit und Raum in frühere Epochen, die durch heutige Brillen betrachtet werden.

Das Ende dieser blut- und elendsgetränkten zwei Jahrhunderte schien 1978 eingeläutet. Drei Jahre, nachdem der Militärdiktator Franco ohne Revolution oder Gerichtsverfahren friedlich gestorben war, versuchte Spanien einmal mehr den Weg der Demokratie und den Anschluss an Europa. Unter der Führung des von Franco eingesetzten Königs und des ebenfalls aus dem früheren Regime stammenden Ministerpräsidenten Adolfo Suárez begann das Wunder der «Transición». Ein knappes Dutzend Spanier öffnete den Weg zur Versöhnung. Dies ist umso bemerkenswerter, da es sich dabei um Menschen handelte, die vier Jahrzehnte zuvor in gegenüberliegenden Schützengräben aufeinander geschossen hatten, beziehungsweise um enthusiastische Politanfänger aus der Studentenbewegung, die ziemlich ahnungslos den grossen europäischen Idealen nacheiferten. Mit am Tisch sassen auch Menschen, die gerade aus einem jahrzehntelangen Exil zurückgekehrt waren und nun im selben Raum wie ehemalige Franco-Minister Platz nahmen.

Dieser Generation ist es zu verdanken, dass innert Kürze eine provisorische Verfassung zusammengeschustert wurde, die weltweit ihresgleichen sucht. Einerseits ist die Verfassung von 1978 in Bezug auf die Sozialrechte eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit, andererseits gelang es auch, durch offene Formulierungen und bewusstes Weglassen die riesigen Wunden zu überdecken und die Aufgabe, eine partizipative, föderale Demokratie zu schaffen, an die nächste Generation weiterzugeben, die unter stabileren Bedingungen das Meisterwerk hätte weiterführen sollen. Spanien wurde von den damaligen Verfassungsgebern zu Recht für zu unreif für einen so grossen Schritt erachtet, sodass man sich vorübergehend für eine rigide parlamentarische Parteiendemokratie entschied und die Territorialgliederung in einen asymmetrischen, dezentralisierten Zentralstaat überführte. Dieser Kompromiss der «Padres de la Constitución» war genial unter den damaligen Umständen – als vorübergehende Lösung. Die Provinzen, die reine, territoriale Verwaltungseinheiten waren, durften sich in sogenannten «Comunidades Autónomas» (Autonome Gebiete) zusammensetzen und erhielten Kompetenzen von der Zentralregierung, die zum Teil in der Verfassung angedeutet sind, zum grössten Teil aber im Laufe der Jahre aufgrund politischer Affinitäten oder Opportunitäten willkürlich vergeben wurden.

Leider waren die Kinder und Enkelkinder der Väter der Verfassung nicht auf der Höhe der Generation von 1978. Im Rahmen des spanischen Wirtschaftswunders und der sozialen und kulturellen Öffnung geriet der Auftrag der Weiterentwicklung des politischen und territorialen Systems in Vergessenheit. Durch die Perpetuierung des Kompromisses von 1978 nisteten sich Doppelspurigkeiten, Klientelwirtschaft, Korruption und Missgunst ein. Seit Beginn der Wirtschaftskrise entstand in Spanien wieder ein Sinn für Politik und die Spanier erkannten, dass sie in einem fragilen Provisorium leben, das ohne Unterhalt in die Jahre gekommen war. Mit der 15M-Bewegung (Indignados) riss der soziale und politische Frieden auf nationaler Ebene auf, während sich in Katalonien die korruptionsanfällige rechtsbürgerliche Regierung mit linksrepublikanischen und linksautonomen Separatisten zusammensetzte und das Heil in der Unabhängigkeit entdeckte.

Zwischen 2010 und 2016 musste in Spanien und Katalonien jeweils dreimal neu gewählt werden, da sich die Bevölkerung weigerte, weiterhin einer Partei die parlamentarische Allmacht zu gewähren. In dieser Zeit zeigte sich, dass die aktuelle Generation politischer Führer vollkommen unfähig ist, Verhandlungen zu führen, geschweige denn Kompromisse zu finden. In dieser angespannten Lage, die mit einer zunehmenden Fanatisierung der Medien und Bevölkerung gewürzt ist, erhitzt sich mitten in Europa ein beschämendes und explosives Pulverfass. Während sich die katalanische Regierung darauf kapriziert, dass nur über ein Unabhängigkeits-Referendum verhandelt werden kann, versteift sich die Zentralregierung darauf, dass über alles – ausser ein Referendum – diskutiert werden kann.

Verdankenswerterweise hat die Schweiz ihre guten Dienste angeboten, was wenig bringt, wenn beide Seiten keine Verhandlungen wollen. Offensichtlich ist man in Madrid und Barcelona überzeugt, dass man sich mit Druck von der Strasse, Gegendruck von den Gerichten und bunten Fahnen an den Balkonen eine bessere Ausgangslange für die Verhandlungen erarbeiten kann. So wird auch die neue Woche spektakuläre Bilder bieten, wenn entweder die Unabhängigkeit erklärt oder das Parlament durch die Guardia Civil gesperrt wird.