Kolumne

Komplizen der Todesverehrer

«Als ein Isis-Kämpfer in Nizza mit einem Lastwagen durch die Menge pflügte und dabei fast hundert Menschen tötete und viele mehr verletzte, brachte die Illustrierte «Paris Match» eine achtseitige Fotoreportage über das Vorleben dieses Schwerverbrechers. Es ist genau das, was seine Komplizen und Inspiratoren sich erhofft haben: grosse Publizität für den Kameraden, der bereit war, als ‹Held› zu sterben.»

«Als ein Isis-Kämpfer in Nizza mit einem Lastwagen durch die Menge pflügte und dabei fast hundert Menschen tötete und viele mehr verletzte, brachte die Illustrierte «Paris Match» eine achtseitige Fotoreportage über das Vorleben dieses Schwerverbrechers. Es ist genau das, was seine Komplizen und Inspiratoren sich erhofft haben: grosse Publizität für den Kameraden, der bereit war, als ‹Held› zu sterben.»

Jahrzehntelang habe ich mich mit Boulevardjournalismus beschäftigt, also mit People, Politik, Sport, Sex and Crime. Und habe dabei viel gelernt. Zum Beispiel über die Sensibilität der Menschen im Umgang mit Bildern und Namen. Gerade schlimme Verbrechen waren immer eine heikle Sache, weil sowohl die Persönlichkeitsrechte der Opfer wie des Täters respektiert werden müssen.

Ich habe gelernt, dass man bei einem Mord, wenn Bilder von Täter und Opfer zur Verfügung stellen, auf keinen Fall die beiden nebeneinander und erst noch in gleicher Grösse publizieren darf. Diese visuelle Nähe wirkt auf die Angehörigen wie eine erneute Aggression. Das ist weder Gesetz noch Vorschrift. Es ist nur rücksichtsvoll gegenüber verletzten Menschen. Das lernt man im Umgang mit ihnen.

Für illustrierte Zeitungen ist es ja heute sehr leicht, Bilder zu beschaffen. Man kann sich darauf verlassen, dass ein verzweifelter Vater, der seine ganze Familie und sich selbst umbringt (leider ein häufiges Verbrechen in der Schweiz) zuvor seine Facebook-Seite permanent mit Familienfotos gefüttert hat.

Ich hielt mich immer an die Regel, dass solche Bilder nur mit Einwilligung der Überlebenden veröffentlicht werden dürfen. Nicht alle verbieten die Publikation. In der Regel sind nämlich Familien mit katholischem Hintergrund eher bereit, ein ermordetes Kind mit der Veröffentlichung seines Bildes zu ehren, protestantische oder gar Sekten-Milieus hingegen sind gegen jeden Bilderkult.

Menschen, die nicht mal die Erwähnung ihres Namens verdient haben

Solche Finessen werden heute leider viel zu wenig beachtet, es findet sogar etwas statt, das ich für verheerend halte und mit dem sich die Verantwortlichen für Medien eigentlich selbstkritisch auseinandersetzen sollten: Es geht um die grossen Bilder, die kompletten Illustrierten-Geschichten mit Fotoalbum von Terroristen und andern Grossverbrechern.

Sie geraten heutzutage zu einer Art negativen Heldenverehrung von Menschen, die wegen der schlimmen Tat eigentlich nicht mal die Erwähnung ihres Namens verdient hätten. Nur zwei Beispiele. Als ein Isis-Kämpfer in Nizza mit einem Lastwagen durch die Menge pflügte und dabei fast hundert Menschen tötete und viele mehr verletzte, brachte die Illustrierte «Paris Match» eine achtseitige Fotoreportage über das Vorleben dieses Schwerverbrechers. Es ist genau das, was seine Komplizen und Inspiratoren sich erhofft haben: grosse Publizität für den Kameraden, der bereit war, als «Held» zu sterben. Wo kommen heute Helden garantiert hin, wenn nicht in den Himmel? In die Illustrierte.

Unsere grossen Bilder nähren und unterstützen den perversen Todeskult der Terroristen. Diese Seiten unserer Zeitungen müssen eigentlich für die Opfer reserviert bleiben. Damit sei nicht gesagt, dass es nicht wichtig ist, die Ursachen, das Umfeld, die Vorgeschichte, auch die familiäre einer Tat zu erkunden, aber nie mit Fotoalben, nie mit doppelseitigen Bildern «aus besseren Zeiten».

King ist auch im Knast, wer die grösste Schlagzeile hat

Zweites Beispiel: In Genf wurde Adeline, eine wunderbare junge Frau, Mutter eines kleinen Mädchens, Betreuerin von rückfälligen Sexualverbrechern, von einem ihrer «Patienten» bei einem Freigang auf brutalste Art umgebracht. Seit der Tat vor drei Jahren waren die Zeitungen voll von längeren Abhandlungen über dieses kranke Scheusal. Vor dem Prozess wurde in einem grossen Blatt gar eine mehrseitige Biografie veröffentlicht. Auch er wurde über längere Zeit zum Medien-Helden gemacht.

Er kann sich heute im Knast ergötzen an den Storys. Und gross angeben. Denn auch im Knast ist King, wer die grösste Schlagzeile bekommen hat. Das sollten wir bedenken, wenn wir über Terroristen und Schwerverbrecher berichten. Sie sind stolz auf jedes Bild, das – auch post mortem – in den Medien erscheint.

Sie wissen ganz genau, dass im Himmel keine siebenundsiebzig Jungfrauen auf sie warten, aber sie wissen ebenso genau, dass sie in ihrem Quartier, wo sie das Leben einer unbedeutenden Ameise gefristet haben, vom Tag des Attentates an von Gleichgesinnten als Held gefeiert werden, mit der Zeitung in der Hand: Schaut her, das war er, unser Held! Das sollten wir unbedingt unterbinden. Indem wir Terroristen nicht wie Stars behandeln. Wir sollten nicht mehr unbewusste Komplizen der Todesverehrer sein.

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