Zufällige Begegnung mit einem SRF-Mitarbeiter am Bahnhof Olten. «Bald sind wir beim SRF alle arbeitslos», sagt er. Spricht aus diesen Worten echte Sorge, Ironie oder Galgenhumor? Ganz klar ist das nicht. Der Kollege ergänzt, wie schlecht die Stimmung zurzeit auf der Redaktion sei und dass nur noch über «No Billag» gesprochen würde.

Kein Zweifel, die anfänglich belächelte, von politischen Aussenseitern lancierte Initiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren wird inzwischen ernst genommen. Ginge es nach den Umfragen auf Newsportalen oder dem Tenor in den sozialen Medien, wäre ein Ja absolut möglich. Doch als Gradmesser eignen sich diese Meinungsäusserungen, wie die Erfahrung aus früheren Abstimmungen zeigt, nur sehr bedingt.

Bis zum Urnengang am 4. März 2018 bleibt noch viel Zeit. Sie müsste nach der Logik der direkten Demokratie für die SRG spielen: Radikale Initiativen verlieren mit zunehmender Debattendauer meistens an Zustimmung. Und die Argumentation, dass ein viersprachiges Land ein gebührenfinanziertes Radio und Fernsehen braucht, ist einleuchtend und durchaus vermittelbar.

Zumal alle Parteien mit Ausnahme der SVP, die ihre Parole erst noch fassen wird, die Initiative klar ablehnen. Eigentlich kann sich die SRG in diesem Abstimmungskampf nur selber schlagen. Man muss nach dieser Woche jedoch ernüchtert feststellen: Die SRG hat das Potenzial dazu.

Gebührenfinanzierte Arroganz

Dass die SRG-Führung ihre Mitarbeiter in den Social-Media-Abstimmungskampf schickt, erweist sich als Risiko. Auf Facebook und Twitter fallen selbst Kaderleute durch Übereifer auf, bisweilen auch durch Arroganz. Der Direktor von Swissinfo twitterte, «No Billag» sei «eine unheilige Allianz von gewinngeschädigten Verlegern, machtgierigen Nationalisten, unzufriedenen Programmkritikern und Neoliberalen».

Ist das eine Analyse auf dem Qualitätsniveau, das die SRG für sich in Anspruch nimmt? «Eco»-Moderator Reto Lipp seinerseits behauptete, ohne Gebühren würde auch keiner der lokalen TV-Sender überleben – dass TeleZüri keinen Rappen bekommt, scheint ihm entgangen zu sein. Es gäbe noch mehrere solcher Beispiele. Sie sind Wasser auf die Mühlen von «No Billag».

Dass diese Initiative zurzeit auf erstaunlich viel Zuspruch stösst, hat tiefere Gründe. Für den ersten kann die SRG nichts, für den zweiten aber schon:

1. Digitalisierung und Gratiskultur. Das Internet und das Smartphone haben dazu geführt, dass sich zumindest jüngere Medienkonsumenten daran gewöhnt haben, dass Information nichts kostet. Darunter leiden private Zeitungsverlage seit langem – ganz im Gegensatz zur SRG, denn die Billag-Gebühr ist ja, anders als das Zeitungs-Abo, nicht freiwillig.

Entsprechend sprudelten die SRG-Einnahmen von Jahr zu Jahr stärker. Nun hat die Generation der Gratis-Konsumenten zum ersten Mal die Gelegenheit, sich auch bei Radio und TV, das sie oft gar nicht nutzen, der alljährlichen Rechnung – rund 400 Franken – zu entledigen. «No Billag» wurde ja auch von Jungpolitikern lanciert.

2. Ausdehnung der SRG. Der öffentlich-rechtliche Medienkonzern wird immer grösser und mächtiger, und das weckt Widerstand. Jährlich 1,2 Milliarden Franken Gebühren, 400 Millionen Werbeeinnahmen, über 6000 Mitarbeiter, die Gründung des Vermarktungs-Kolosses Admeira, aber auch die Tatsache, dass bei der jüngsten Bundesratswahl nicht weniger als 238 SRG-Mitarbeiter im Einsatz waren: All das zeugt davon, dass der SRG das gesunde Mass abhandengekommen ist.

Nie hat die SRG eine Konzession an die Kritiker dieses Wachstums gemacht, nie ein nennenswertes Angebot wieder eingestellt, sondern mit hochtrabenden Begriffen wie «nationalem Zusammenhalt» und «Qualitätsjournalismus» jeden Expansionsschritt verteidigt und, wie jetzt im Bereich Online, schon den nächsten im Auge. Auch die Politik hat die SRG nicht daran gehindert, im Gegenteil. Sie hat ihr fast jeden Wunsch erfüllt. Auch diese Woche wieder, als bekannt wurde, dass der Bund der SRG künftig Werbung erlaubt, die auf Zielgruppen ausgerichtet ist.

Hervorragende Journalisten

Weil die SRG alles und jedes macht und machen will, geht schnell vergessen, dass sie viele hervorragende Journalisten beschäftigt, deren Sendungen – insbesondere im Bereich Information und Kultur – ohne Gebühren schwerlich finanzierbar wären. «No Billag» würde sie infrage stellen, und das kann kaum jemand im Ernst wollen.

Darum bleibt schwer vorstellbar, dass die Initiative am Ende eine Mehrheit findet. Doch wenn die SRG ihre Akzeptanz über den Abstimmungstag hinaus sichern will, muss sie endlich zurückbuchstabieren, kleiner und günstiger werden und den Privaten mehr Luft zum Atmen lassen. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine weniger radikale Initiative – etwa zur Gebühren-Halbierung – durchkommt.