Kolumne

Kinder und Leistungssport: Talent bitte nicht erzwingen

Manchmal sind es die Eltern, die davon träumen, dass ihre Kinder zu Sportstars werden. (Symbolbild)

Manchmal sind es die Eltern, die davon träumen, dass ihre Kinder zu Sportstars werden. (Symbolbild)

In ihrer aktuellen Kolumne schreibt Margrit Stamm über die Kindheit und das herausfordernde Leben im Leistungssport.

Die Fünfjährige als Tennistalent, der Achtjährige mit dem Ziel, Profifuss-baller zu werden. Der Leistungssport beginnt immer früher. Woher kommt das? Warum müssen Kinder nicht nur in der Schule gute Noten haben, sondern auch in mindestens einer Sportart brillieren? Weshalb ist der Wunsch so gross, aus einem durchschnittlichen Kind ein aussergewöhnliches Kind zu machen? In erster Linie ist es der Hype um die überstrapazierte Förderung, die man auch mit einem Treibhaus gleichsetzen kann. Wer nicht möglichst früh aus seinem Nachwuchs ein «Talent» macht, ist selbst schuld. Auch Vereine sprechen oft von Kindern als Talenten, sodass dies bei ihnen selbst grosse Illusionen weckt und bei den Eltern die Überzeugung, ihr Sprössling sei etwas Besonderes.

Ist deshalb Leistungssport für Kinder schlecht? Kaum. Zum einen belegen verschiedene Studien, dass sich Kinder, die Leistungssport betreiben, oft sehr gut entwickeln, manchmal sogar ausgewogener als andere. Sie haben bessere Schulnoten, sind organisierter, durchsetzungsfähiger und frustrationstoleranter. Sie sind auch nicht isolierter als andere, weil sie im Sport oft Freunde finden.

Mit Druck geht jeder anders um

Genauso gibt es Untersuchungen, die auf eine spezifische Problematik verweisen: auf den Ehrgeiz aus dem näheren Umfeld (Eltern, Freunde, Trainerinnen und Trainer). Zwar sind Ehrgeiz und ein gewisser Druck nichts Schlechtes. Trotzdem haben viele Kinder enorm Mühe damit und brechen unter den hohen Erwartungen der Umgebung zusammen. Manchmal werden sie zur Sportpsychologin oder ins Pilates geschickt, trotzdem ändert sich wenig. Denn wann und wie viel Druck notwendig ist und wie hoch die Leistungserwartungen sein sollen, ist eine Gratwanderung, die auch mit dem Temperament und der Persönlichkeit des Kindes zu tun hat. Das hat uns wohl niemand so treffend gezeigt wie Bernhard Russi oder Roger Federer. Während die einen Kinder unter dem Erwartungsdruck zusammenbrechen, ist es für die anderen eine zusätzliche Motivation.

Dass die Eltern eine Schlüsselrolle spielen, dürfte unwidersprochen sein. Seien wir ehrlich: Welche Mütter und Väter handeln selbstlos, wenn sie ihrem Kind den Einstieg in den Leistungssport ermöglichen? Würden sie keinen Gewinn daraus ziehen, wäre die Episode wahrscheinlich schnell zu Ende, denn finanzielle, psychische und zeitliche Elterninvestitionen brauchen Wirkung. Der Grasshopper Club steht stellvertretend dafür, dass Eltern sogar den Juniorentrainer bestechen wollen, nur damit der Sohn an die Spitze kommt. Stellt sich jedoch der Erfolg trotzdem nicht ein, müssen Kinder nicht nur die Enttäuschung der Eltern verarbeiten, sondern auch mit Vorwürfen rechnen: «Du könntest viel besser sein!», oder: «Warum gibst du so schnell auf?» Doch solche Appelle führen meist lediglich dazu, dass die beabsichtigte Wirkung ausbleibt und Kinder die Lust am Sport verlieren.

Eltern brauchen einen Plan B

Mich treibt vor allem eine Frage um: Was geschieht mit den sogenannten Talenten, die den höchsten Erwartungen nicht genügen? «Diselektion» nennt man dies in der Sportwissenschaft, die Rückversetzung der Kinder in die zweite oder dritte Reihe. Diselektion tönt nicht nur brutal, sie ist es auch und leider der Regelfall. Allerdings kümmert sich meist kaum jemand um solche Kinder und Jugendlichen, obwohl sie jahrelang mehr geleistet und trainiert haben, als es ihren Fähigkeiten entsprach. Nun verschwinden sie in der Versenkung und auch ihre Eltern müssen damit klarkommen.

Leistungssport zu betreiben ist für junge Menschen nicht per se gut oder schlecht, es kommt auf das Wie an: Wie Kinder begleitet, unterstützt und herausgefordert werden, wie auf ihre Seelen und ihren Körper Rücksicht genommen wird. Und vor allem, ob Trainerinnen und Trainer, aber auch Eltern, einen Plan B vorbereitet haben, für den Fall, dass es nicht klappt. Also eine Berufslehre bis zur Lehrabschlussprüfung durchziehen oder die Matura machen und ein Studium anhängen. Ein Plan B muss zu einer verpflichtenden Grundbedingung werden, damit man im Leistungssport an die Spitze kommen kann. Dann ist es halb so wild, wenn aus dem Kind kein Superstar wird, sondern ein junger Mensch mit guten Berufsaussichten, dem die Freude am Sport nicht abhandengekommen ist.

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