Bob Dylan ist auf «Never Ending Tour», voraussichtlich bis zum Ende. Längst ist er über das Pensionsalter hinaus. Keiner, der auf Ruhm ruht. Kein Schrebergärtner der Rockgeneration, von denen es so viele gibt. Mit ihrer Heuchelei der zwei Welten: vorn auf der Bühne die Show und die Mär vom Jungbrunnen Rock, die gedopte Saftprotzerei. Backstage das elegante Loft, die Videoüberwachung der Doppelgarage, das Privatinternat für den Balg, das erbauliche Hobby. Dazwischen der sporadische sorgenvolle Gang zum Arzt.

Für den Ruhestand war Dylan immer schon zu alt. Früh gefragt – keiner hatte danach gefragt, aber er tat als ob –, was er gesehen, was gehört, was erlebt habe, erzählte der «blauäugige Sohn» Dinge, als hätte er schon tausend Jahre Leben verbraucht. Alles packte er in ein einziges Lied («A Hard Rain’s-a-gonna-fall»). Das eben war frech: Der Naseweis bestimmte, wie man ein Millennium eindampfte. Gleichzeitig schien er durch die Tragikomödie der Welt zu gehen wie ein Engel, Kobold oder Clown. In wandelbaren Krisen, Offenbarungen, Masken, Parodien.

Autor Max Dohners Hommage an den Jahrhundertmusiker Bob Dylan

Autor Max Dohners Hommage an den Jahrhundertmusiker Bob Dylan

Im Alter wurde Dylan wieder gefragt – Protestsong lag hinter ihm, Rock, Country, Gospelchor, Tin-Pan-Alley und Weihnachts-CD: Was bist du eigentlich? «Schlicht ein Musikmann», antwortete Dylan. Auch das wurde ihm sogleich ausgelegt als Maske. Darf es nicht sein? Nur weil Dylan mit seinen Texten den Intellektuellen Futter gab? Auf seiner «Never Ending Tour», wo er meist im Schatten steht, mit Gicht der Tastenmann links, gibts keine Pyro und Dylanettes, geschweige denn Verklärung. Die Tour heisst «Leben».

Natürlich nimmt die Tour irgendwann ein Ende, bleibt aber offen, nach vorn und hinten. Dauernd herrscht Durchzug. In den besten Zeiten, wenn Dylan am nächsten bei seiner Ferne war, sang er so, als wäre er selber dieser Durchzug. Man hörte zu und fühlte sich wie ein Tropfen in einem Ozean, ein Sandkorn in der Düne, wie eine Note beim Blues «Blind Willie McTell». Man bekam und verlor sogleich wieder den Ton einer «Serie von Träumen», gelangte an einen Punkt, wo es «noch nicht dunkel wurde, aber bald».

Die Weise vom Gaukler und Troubadour, der beim ersten Hahnenschrei weiterzieht, ist ein alter, auch ein wenig müder Topos. Charlie Chaplins «Tramp» war noch frisch (Dylan liebte ihn). Aber die Figur ist viel älter. Zuerst schulterten Minstrels Jahrhunderte lang Blasbalg-Pfeife und Laute, dann Hobos die zerkratzte Gitarre. Der Wandersänger blieb ein zeitloser romantischer Held. Aus irgendeinem Grund wirkt es cool, mit dem Abendwind hereinzuwehen und bei Morgenbrise Segel zu setzen. Das Mädchen bleibt zurück in der Hütte und trocknet sich mit dem Rockzipfel … eine Träne? «Ist nur ein Regentropfen», sagt sie. «Oh», sagt der Hobo, «verstehe.» Dylan besang dieses Muster früh (u.a. «Spanish Boots of spanish Leather»). Er sagte es nicht umflort, sondern bissig – und vor allem besser.

Andere sangen seine Liebeslieder mit zweifellos «schöneren» Stimmen. Aber es ist wie verhext: Trifft Dylan mal das Timbre seiner Worte, erzielt niemand mehr Wirkung. Wie beim Voodoo stellen sich ein paar Geister ein. Die Leute denken, es seien eigene Geister, für die sie ohne Dylan keine Formel fänden. Die gleichen Worte, die Dylan zuweilen gefährlich an der Grenze zum Sentimentalen formuliert, kippen dann ins Dünne und Süssliche, wenn ein Schubidubi-Bubi sich ihrer bemächtigt: «Plötzlich drehte ich mich um, und sie stand da, mit Silberreifen um ihre Hüften und Blumen in ihrem Haar. ‹Komm rein›, sagte sie, ‹ich gebe dir Schutz vor dem Sturm›.» Das bläst kaum jemand ungestraft in die Luft. Das gelingt nur, wenn man weiss, dass es im Grunde keinen Schutz gibt vor dem Sturm.

Dylan ist weder ein sympathischer noch ein einfacher Zeitgenosse. Das besagen viele Zeugnisse. Es gibt indes auch Videosequenzen, die ihn mit jungenhaftem Charme zeigen. Charme und Eigensinn schillern betörend auf im romantischen Muster des poetischen Vagabunden. Und das wiederum umhüllt etwas anderes: die eigentümliche Verdichtung oder Wolkigkeit aller Kreativität. Ihr hat sich Dylan verschrieben. Mit aller Konsequenz der «endlosen Tour», das heisst: mit dem Unbehausten, mindestens zeitweise. Das Aufglühen und Verglimmen, das Aufblühen und Vertrocknen – das ist der Rhythmus des Schöpferischen. Und ist darum auch Dylan: mal konfus, mal luzid, mal grossartig, handkehrum erbärmlich. Über 75 Jahre aber: einzigartig.