Gastkommentar

Kein Dank an die Alliierten: Warum es von der Rede zum Kriegsende in Europa zwei Varianten gibt

General Henri Guisan, Bundespräsident Eduard von Steiger, Bundesrat Karl Kobelt  und Bundesrat Enrico Celio (von rechts) auf dem Podest anlässlich der Fahnenehrung auf dem Bundesplatz in Bern am 19. August 1945.

General Henri Guisan, Bundespräsident Eduard von Steiger, Bundesrat Karl Kobelt und Bundesrat Enrico Celio (von rechts) auf dem Podest anlässlich der Fahnenehrung auf dem Bundesplatz in Bern am 19. August 1945.

8. Mai 1945, Kriegsende in Europa: Bundespräsident Eduard von Steiger spricht am Radio zum Schweizer Volk. Vieles klingt so, wie man es erwartet. Aber eine kleine Differenz zwischen der deutschen und der französischen Version überrascht.

Im Rückblick auf das Kriegsende vom 8. Mai 1945 könnte besonders interessieren, was der damalige Bundespräsident Eduard von Steiger am 8. Mai dem Schweizervolk in seiner Radioansprache verkündete – und wie das auf uns heute wirkt. Das Meiste dürfte den heutigen Erwartungen entsprechen: der Dank für die Disziplin und Einigkeit der Bevölkerung; der besondere Dank an die Armee; die Ermahnung, den grossen Tag in alle Bescheidenheit zu begehen; die herausgestrichene Bereitschaft, jenseits der Grenze zu helfen und «grossmütig» zu sein. Gleich zu Beginn erwähnte der Bundespräsident «die unsäglichen Leiden der vom Kriege heimgesuchten Länder».

Mit Blick auf die bis 1948 sich hinstreckende Güterrationierung besonders angebracht erscheint die Mahnung, dass die Zeiten der Entbehrungen noch nicht zu Ende seien, dass man sich erst in einer Übergangszeit befinde. «Die Schwierigkeiten, die wir zu überwinden haben werden, bis wir alles in die Friedenswirtschaft hinübergeführt haben, sind gross und schwer. Die Einschränkungen werden schrittweise abgebaut.» Vom Frieden heisst es nicht, dass er eingetreten sei, sondern nur, dass er nahe. Dies– im Monat Mai - verbunden mit einem Verweis auf die Jahreszeiten: «Es geht nicht mehr in den Winter hinein, sondern dem Sommer zu: Licht, Wärme und das Glück friedlicher Arbeit strahlen uns entgegen.»

Die ganze Botschaft war von einer unheroischen Grundhaltung geprägt, es ist auch von «unverdientem Glück» die Rede, dass es «einem Höheren als menschlichem Wollen und Können» zu verdanken sei. Mit Gottes Hilfe sei die Schweiz von den Schrecken des Krieges verschont geblieben. Irgendwie musste offenbar auch von der Neutralität die Rede sein. Die wenig klare Formulierung geht nicht so weit, der Neutralität einen Anteil am Verschontbleiben zuzuschreiben; vielmehr geht die Aussage dahin, dass es gelungen sei, die Neutralität in den Kriegsjahren aufrecht zu erhalten. «So hat die Schweiz ihre seit Jahrhunderten bewährte und behauptete Neutralitätspolitik auch in diesem Krieg unter dem Schutz unserer Armee unbeirrt und diszipliniert verfolgt.»

Aus heutiger Sicht fallen drei Auslassungen auf. Verständlicherweise war die teils unvermeidliche, teils aber auch aus eigenen Stücken eingegangene Wirtschaftskooperation mit den Achsenmächten überhaupt kein Thema. Ebenfalls kein Wort zur Flüchtlingspolitik aus dem Munde des Bundespräsidenten, der als Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements diesbezüglich besonders verantwortlich war. Bereits in der Neujahrsansprache hatte von Steiger verkündet: «Wir wissen, dass wir uns nichts vorzuwerfen haben …» Von der humanitären Mission der Schweiz war zwar kurz ebenfalls die Rede, aber einzig mit Hinweis auf die Aufnahme und Pflege von Schwerverwundeten. Unerwähnt und ohne Würdigung blieb auch die Tatsache, dass die Schweiz ihre Befreiung den militärischen Leistungen der Alliierten zu verdanken hatte.

Der öffentliche Dank an die Alliierten kam erst später. Viel später. Anlässlich der Gedenkfeier vom 1. September 1989 zum Kriegsausbruch von 1939 würdigte der damalige Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz auch die Leistungen des Auslands, das mit hohem Blutzoll dazu beigetragen habe, dass die Schweiz verschont geblieben sei.

Beim ersten Blick auf die bundespräsidentiale Erklärung vom 8. Mai 1945 fällt nicht auf, dass es sie in mindestens zwei Varianten gibt. Zwischen der deutschen und der französischen Version gibt es schwer erklärbare Unterschiede. Während im deutschen Text ein Gedanke auf die Neutralität verwendet wird, kommt in der französischen Variante diese nicht vor und ist stattdessen von einem Europa die Rede, das im deutschen Text nicht vorkommt. Was wird da zu Europa gesagt? Heute könnte man dem kleinen Satz mehr Bedeutung zuschreiben, als im Moment angestrebt war: «Mitten in Europa, dessen weitere Entwicklung uns noch verborgen ist, liegt die Schweiz, deren Aufgabe es ist, zu zeigen, dass auch ein kleines Land nützlich sein kann.»

«Au milieu d’une Europe dont l’avenir nous est encore voilé, la Suisse se doit de montrer qu’un petit pays peut aussi être utile…»

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