Gastkommentar

«Kein anderes Virus ist mir je so nahe gekommen»: Bericht aus der Risiko-Gruppe

Alte Menschen gehören zur Corona-Hochrisiko-Gruppe. (Symbolbild)

Alte Menschen gehören zur Corona-Hochrisiko-Gruppe. (Symbolbild)

Ü65 und das Corona-Virus: Gedanken und Erfahrungen eines besonders Gefährdeten

Die Generation der Senioren werde ja, so las man in jüngster Zeit, sowieso gesellschaftlich diskriminiert und ausgegrenzt. Und wen sucht sich dieser fiese Mini-Erreger als bevorzugte Opfer aus? Natürlich wieder die Alten!

Spass beiseite. Eigentlich ist’s mir nicht ums Spassen. Ich, Jahrgang 1950, werde als «besonders gefährdet» klassifiziert. Risiko-Klasse Ü65. Letalitäts-Klasse 1. Altersgenossen geben mir zu bedenken: Ich hätte bloss verdrängt, dass mein Lebensbogen ohnehin im letzten Fünftel angelangt sei. Vielleicht. Corona als ein Memento mori sozusagen.

Allerdings scheint mir, die Klassifizierung «über 65» sei etwas gar pauschal. Man schaue sich die Altersgruppe der 65- bis 75-Jährigen an: Von «gebrechlich» bis «fit wie ein Turnschuh» ist da alles zu sehen (ich liege irgendwo da­zwischen). Der Mini-Fiesling knöpft sich wohl eher die Gebrechlichen vor, die ohnehin ­Geschwächten.

Trotzdem. Mit bald 70 erlebe ich etwas Neues. Kein Rinderwahnsinn, keine Schweine- oder Vogelgrippe, kein anderes Sars-Virus ist mir je so nahe gekommen (okay, ich war damals auch noch nicht 70), ganz nahe – im doppelten Sinne: geografisch nahe, aber auch emotional. Die wenigsten von uns können sich an einen ähnlich rigorosen Anweisungskatalog der Behörden erinnern. Fast wie im Krieg. Diese Verhaltens-Appelle, diese Absagen von Liebgewonnenem, jeden Tag eine Medienkonferenz, vom Bund, vom Kanton, wir hängen an den Lippen der Verantwortlichen, zählen hektisch neue Fälle mit, schwanken zwischen Dankbarkeit über Offenheit und Irritation über verstörende Inkonsequenzen.

Ich huste. Natürlich hat das nicht das Geringste mit Corona zu tun. Kein Fieber, keine Unpässlichkeit. Trotzdem. Kann ich jetzt noch einem Kollegen gegenübersitzen? Bin ich jetzt noch Opfer oder schon Täter?

Es heisst ja, das Alter mache weise und gelassen. Aber irgendwie will das in diesem Fall nicht richtig klappen. Während Jüngere einer Ansteckung relativ cool entgegensehen können, droht uns Älteren Isolation und Spital. Natürlich, im Alter ist man ohnehin häufiger im Spital. Die Hüfte, das Knie, die Bandscheibe. Aber das ist nicht dasselbe. Das ist irgendwie schicksalshaft, Abnützung halt. Doch bei diesem unsichtbaren Winzling wird mir eingetrichtert, ich müsse/könne den Spitalaufenthalt vermeiden durch strikte Einhaltung behördlicher Weisungen. Das stresst.

In einer Sonntags-Zeitung lese ich: «Das Corona-Virus isoliert die Senioren zusehends.» Man sorgt sich also um mich und mein Sozialleben. Der Bund konzentriert seine Schutz-Bemühungen auf mich und meine Generation. Ein komisches Gefühl. Ich empfand mich bisher nicht als besonders schutzbedürftig. Franz Hohler, 77, schreibt in der gleichen Zeitung: «Viele Menschen entscheiden sich nach diesem bundesrätlichen Trompetenstoss selber und eigenverantwortlich für den Rückzug.» Und beendet seinen Bericht aus dem Innern der Risiko-Gruppe mit dem trotzigen Satz: «Und heute Abend gehe ich ins Theater.» Offenbar ist er auf- oder abgeklärter als ich.

Vorräte hamstern oder Normalität üben? Anpassung oder Widerstand? Plötzlich werden solch existenzielle Fragen auch in unseren sicher geglaubten Breitengraden wieder wichtiger als das Fernsehprogramm. Wenn wir auf eine bisher unbekannte Situation stossen, haben wir Einordnungs-Schwierigkeiten, wir müssen uns intellektuell und emotional neu sortieren. Das kann dauern. Ich bin daran, die nächsten Tage zu planen, mit «gemässigtem Rückzug». Da wird mir bewusst, dass ich eigentlich die ­nächsten Wochen planen müsste. Denn so schnell ist das Virus nicht besiegt. Also lange Wochen mit Rückzug? Es beginnt mich schon heute zu nerven. Doch – oh Glück: Gerade heute schickt mir die «Schweizer Illustrierte» ein Probeexemplar zum Lesen und Blättern. Da kann ich ja ruhig noch ein bisschen zu Hause bleiben.

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