Es sind schockierende Bilder, die diese Woche aus dem ostdeutschen Chemnitz um die Welt gingen. An mehreren Tagen folgten Tausende von Menschen den Demonstrations-Aufrufen rechtsextremer Gruppierungen. Am TV sah man randalierende Glatzköpfe, zum Hitlergruss ausgestreckte Hände und «Ausländer-raus»- Plakate. Unbeteiligte, unbescholtene Ausländer wurden auf offener Strasse angepöbelt und angegriffen.

Auslöser der Ausschreitungen war die Tötung eines 35-jährigen Deutschen am Chemnitzer Stadtfest. Er wurde bei einem Streit mit zwei anderen Männern erstochen. Bei den mutmasslichen Tätern handelt es sich um einen Syrer und einen Iraker. Diese Information war der Funke, der die Stimmung explodieren liess.

Dieses Tötungsdelikt ist schlimm, so wie jedes Tötungsdelikt schlimm ist. Doch normalerweise kommt es nach einem Fall von Mord oder Totschlag nicht zu Demonstrationen und Randale. In Chemnitz aber wurde der Tod des 35-Jährigen von Rechtsextremen instrumentalisiert. Es sei «eine neue Qualität rechter Mobilisierung erreicht», kommentierte die Zeitung «Die Welt», die nicht im Verdacht steht, linkslastig zu sein. Und weiter: «Der radikalen Rechten gelang an dem Tag, was ihr sonst nicht gelingt: die Mitte mitzunehmen, die Bürger.» Die fremdenfeindliche Organisation mit dem harmlosen Namen «Pro Chemnitz» brachte nicht nur Neonazis auf die Strasse, sondern auch normale Familien und Rentner. Wenn so etwas in Deutschland geschieht, ist das wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit noch beklemmender also sonstwo auf der Welt.

Wie kann in einem der wohlhabendsten und sichersten Länder der Welt ein solcher zivilisatorischer Bruch geschehen? Und: Wäre das auch in der Schweiz möglich? «Chemnitz» zeigt, wie fragil unsere vermeintlich so stabile Gesellschaft ist. Es war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das zur Eskalation führte:

  • Die Rolle der sozialen Medien. Schon kurz nach der Tötung des Deutschen kursierten in den sozialen Medien Gerüchte über den Hergang der Tat – unter dem Stichwort «Heldentod». Es sei eine Frau belästigt worden, hiess es, Männer seien ihr zu Hilfe geeilt, dann sei die Lage eskaliert, und ein Deutscher sei von Ausländern umgebracht worden. Rechtsextreme Organisationen verbreiteten diese Version über soziale Netzwerke. Die Polizei dementierte das «Heldentod»-Gerücht erst zwölf Stunden nach der Tat, bis dahin hatte es sich bereits tausendfach verbreitet und Demonstranten mobilisiert.
  • Das Misstrauen gegenüber den Institutionen. Das Dementi der Polizei und die Widerlegung der «Heldentod»-Gerüchte in den Zeitungen und TV-Sendern verpassten ihre Wirkung ganz offensichtlich. Viele Menschen glaubten der von den Extremisten verbreiteten Geschichtsversion. Deshalb schwollen die Proteste im Verlauf der Woche sogar noch an. Schon die islamfeindliche Organisation Pegida hatte mit «Lügenpresse»-Parolen operiert und Verschwörungstheorien verbreitet, wonach die Medien die «Wahrheit» (über den Islam oder über Ausländerkriminalität) unterdrücken würden. Das zeigt: Wenn das Vertrauen in Polizei, Justiz und Medien weg ist, dann kann ein Funke reichen für eine gesellschaftliche Explosion. Für das Misstrauen allein sogenannte Wutbürger verantwortlich zu machen, griffe zu kurz: Medien und Polizei haben beispielsweise bei den Silvester-Krawallen von Köln anfänglich zu verharmlosend über die Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen informiert. Und in Chemnitz nährten deutsche Politiker das Misstrauen, indem sie pauschal jeden Demonstranten in die rechtsextreme Ecke stellten und nicht über die Tötung sprachen, sondern sich nur über die Proteste empörten.
  • Die Flüchtlingskrise. Zweifellos hängt «Chemnitz» auch mit der Überforderung der Gesellschaft durch den Zuzug von über einer Million Flüchtlingen im Herbst 2015 zusammen. «Diese Menschen sind nicht integriert, und uns hat man allein gelassen», sagte eine Demonstrantin am Fernsehen, die gewiss nicht rechtsradikal ist. Dass einer der beiden mutmasslichen Totschläger von Chemnitz schon früher wegen Gewaltdelikten verurteilt und trotz negativem Asylbescheid nicht ausgeschafft worden war, legt das Versagen der Politik und Behörden schonungslos offen.

Im Gegensatz zu Sachsen (Ex-DDR) sind andere deutsche Bundesländer und auch die Schweiz weniger anfällig für rechtsextreme Auswüchse, weil hier die demokratischen Institutionen besser verankert sind, gut funktionieren und mehr Glaubwürdigkeit geniessen. Die Schweiz ihrerseits hat migrationspolitische Fehler vermieden, wie sie Deutschland 2015 machte. Zudem, und das ist wichtig, kann bei uns offener diskutiert werden, auch über heikle Themen wie Ausländerkriminalität, die in Deutschland tabuisiert sind. Dank der direkten Demokratie ist der Graben zwischen Politik und Volk bei uns viel weniger tief. Darum scheint «Chemnitz» hierzulande sehr unwahrscheinlich. Die Integrationsleistung der Schweiz mit einem Ausländeranteil, der ungleich höher ist als in Sachsen, hat eine lange Geschichte und ist von unschätzbarem Wert. Doch es ist nicht garantiert, dass dies so bleibt. Die Angriffe von Hooligans auf Sanitäter in Zürich und auch die Attacken von Männern, teilweise mit Migrationshintergrund, auf Frauen in Schweizer Städten sind Warnsignale.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch