Schweiz - Rumänien

Jungs, wollt ihr ewig chlopfen?

Schicksalsgemeinschaft: Die Schweiz und Rumänien im selben Topf.

Schicksalsgemeinschaft: Die Schweiz und Rumänien im selben Topf.

Kennen Sie einen Mann namens Heavy D? Eine Frau namens Julia Bremermann? Beide wurden am 24. Mai 1967 geboren: Heavy D, der – inzwischen verstorbene – amerikanische Rapper, und die deutsche Schauspielerin. In Ordnung. Was aber haben wir damit zu schaffen? Die Klammer ist das Datum, der 24. Mai 1967. In Ordnung. Und was soll damals Bedeutsames passiert sein?

Es war das Jahr, da in Bolivien Che Guevara starb. Am besagten Tag wurde Bob Dylan 26 Jahre alt. Die USA schossen einen weiteren «Explorer»-Satellit ins All. Und es war der Tag, da die Schweiz gegen Rumänien im Zürcher Hardturm 7:1 gewann. Was???!!! Es gab in Zürich mal ein Stadion namens Hardturm? Ja, und der Stehplatz an jenem Abend kostete drei Franken, inklusive 30 Rappen Billettsteuer. Das Ticket konnte man lange noch ersteigern bei sportantiquariat.ch; heute sei es «nicht mehr verfügbar».

Heute spielt die Schweiz wieder gegen Rumänien. Darum wurde die Erinnerung ausgiebig geweckt an ein zweites nahezu perfektes Spiel, an den 22. Juni 1994. Nicht aber die Erinnerung an 1967, eigentlich der heroischere Termin, noch beste «Radio Beromöischter Days». Am 22. Juni 1994 wurde Billy Wilder 88 Jahre alt – möge der Regisseur des besten Zeitungsfilms nie vergessen gehen! Der Schweizer Bundesrat gab eine neue Strahlenschutz-Verordnung heraus – Politik fühlte sich hierzulande immer schon rasend aufregend an. Und bei der Fussball-WM in den USA besiegte die Schweiz Rumänien satt mit 4:1.

Rumänien aber ist keine Bank für Glanzauftritte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, mitnichten. Die Bilanz nach zwölf Begegnungen ist mau: vier Siege, drei Unentschieden, fünf Niederlagen. Yann Sommers Premiere in der Nationalmannschaft übrigens war gegen Rumänien – 2012, bei der 0:1-Niederlage in Luzern. Nur ein Forfait-Sieg gegen Rumänien brachte den Schweizern die erste Teilnahme an einer WM – 1934; Rumänien hatte damals einen Mann eingesetzt, der schon für Ungarn gespielt hatte.

Bemerkenswert aber bleibt es doch: Die beiden glanzvollsten Schlachten der letzten fünfzig Jahre wurden zweimal gegen Rumänien geschlagen. Zwei restlos überzeugende Spiele. Alle anderen Spiele, mit wenigen Ausnahmen, waren Quellen unserer typisch gemischten Gefühle, in Bezug auf die Nationalmannschaft: Entweder gingen die Partien «ehrenhaft verloren», oder sie wurden nicht wirklich ehrenhaft gewonnen. Wie jüngst wieder, gegen Albanien.

Hierzulande mokiert man sich über «Schönheitspreise» beim Fussball. So, wie man sich über Kunst mokiert. Jüngst wunderte sich wieder mal jemand öffentlich, warum Schriftsteller bei Lesungen auf einem Honorar bestehen; der Schriftsteller-Verband startete sogleich eine Unterschriften-Sammlung. Hierzulande gilt Kunst als «tolles Hobby», dient zur Justierung der «Work-Life-Balance». Als klug aber preist man nur, wer pragmatisch rechnen kann.

«Zählbares» wird hierzulande immer höher gewichtet als Ästhetisches. Kunst soll sein wie «Art on Ice». Wie kann da eine Nationalmannschaft auch «Schönheit» im Auge haben, nicht bloss den erchrampften Sieg? Wie Brasilien zum Beispiel. Jenes legendäre Brasilien mit Zico, Falcão, Cerezo, Éder und Sócrates, das 1982 unterging. Eben in Schönheit unterging, um ewig zu leben.

Umso bemerkenswerter, wenn der Schweiz mal zwei Spiele glücken, ganz State of the Art, die restlos überzeugen und auch glücklich machen. Godi Baumberger konnte 1967 nicht fassen, was er miterlebte. Auf ihn, den Radioreporter, sprang die zeitlose Aureole des Sieges über an jenem Abend. Baumberger – gestorben 2009 – ging wegen dieser Reportage nicht mehr vergessen: «Godi Baumberger, bleib ruhig, es ist 5:0. Meine Mutter hat mir immer gesagt, wenn ich mich aufrege, soll ich auf zehn zählen.» Denkwürdig bleibt am Rande auch: Leute wie Baumberger waren im Nebenberuf Reporter. Im Hauptberuf aber Direktionsmitglied beim Coop und beim Zürcher Warenhaus St. Annahof.

In den USA liess dann die Nationalmannschaft mit ihrem 4:1 gegen Rumänien den ganzen Rest des Turniers vergessen. Fast vergessen – jener Rest war wirklich kläglich. Setzt die «goldene Generation» heute den dritten Stern in den Rumänen-Himmel? Gelingt ihr das Meisterstück, Punch, Kreativität und Eleganz zu verschmelzen? Die Wetten stehen 7:1 bzw. 4:1 ... dagegen.

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