Politik ist hart. Bürger sind mühsam. Stets wollen die einen dies, andere das Gegenteil, dritte gar nichts. Immer machen die einen auf gegenwartsfromm, andere auf retro, dritte auf zukunftsgläubig, der Rest ist generell mieser Laune. Also reden und streiten wir endlos – bis am Ende ein Kompromiss herausschaut, der allen ähnlich missfällt.

Kein Wunder, träumen Menschen seit je von einer Instanz, die erhaben wäre über den Fraktionen von Launen und Sonderinteressen und entsprechenden intellektuellen Begrenztheiten. Plato schlägt die Philosophen vor; aus der Warte ihrer vorurteilslosen Weisheit sollten sie verkünden, was für alle das Beste ist.

Kybernetiker setzen an Stelle der Philosophie die Rechenmaschine; die hat keinen Schimmer vom Leben, das ist ihr Vorteil, sie kapiert überhaupt nicht, worüber wir streiten, eben darum kann sie unmöglich parteiisch sein. Sie bleibt jederzeit strikt neutral und präzis, denn sie «entscheidet», indem sie Probleme von allen Bedeutungen ablöst, in kleinste total gedankenlose Schritte zerlegt und dann die Rechnung präsentiert.

Wir sind festgefahren – da kommt «intelligente» Software goldrichtig

Das klingt ziemlich attraktiv. Auf allerlei Parzellen sind wir festgefahren – Altersrente, Steuerreform, Verhältnis zur EU usw. Gleichzeitig wächst das Misstrauen in sogenannte Eliten. Da kommt «intelligente» Software goldrichtig. Auf einschlägigen Tagungen spukt immer öfter der Traum, die begrenzte Intelligenz von Richtern und Politikern zu bessern oder gar zu ersetzen durch «künstliche Intelligenz». Taugt die auch zur Optimierung der Bundesratswahl?

Etwa so: Man nimmt ein Programm, das auch in anderen Bewerbungsprozessen eingesetzt wird. Es liest Lebensläufe und Bewerbungen flinker und genauer als jedes Menschenauge. Attraktiv wird es mit der Zusatzfunktion «automatisierte Gesichtsanalyse»: Beim Interview mit Kandidatinnen registriert es jede Nuance – an Stimme, Wortwahl, Betonung, Mimik; nach dreissig Minuten sind 200 000 Datenpunkte im Kasten.

Das ist zunächst nichts weiter als ein Datenhaufen. Doch nun kann man die Software mit Daten von Leuten füttern, die bisher in dem fraglichen Job auffällig erfolgreich waren; im Falle des Bundesrates könnten wir zum Beispiel sämtliche verfügbaren Angaben zu Doris Leuthard und Kurt Furgler einspeisen – und die Musterabgleichung starten: Welche Kandidatin passt am besten ins bewährte Profil? Im Nu, präzis und objektiv spuckt der Bot die ideale Kandidatin aus …

Die Idee, die Maschine «entscheiden» zu lassen, entspringt dem Misstrauen in die Seriosität menschlicher Entscheidungen. Tatsächlich mischt bei unseren Aktionen stets allerlei Zweifelhaftes mit – Furcht und Hoffnung, Vorurteil und Projektion. Die Maschine hat nichts von all dem, so bleibt ihr «Urteil» rein. Sie ist auch nie müde, nie betrunken, nie verliebt, nie deprimiert, jederzeit ist sie hundertprozentig bei der Sache. Wogegen der Mensch nie ganz dicht ist.

Nie ist er ganz bei der Sache, stets hat er noch was anderes im Sinn, mal ist er verstimmt, mal aufgekratzt. Darum produziert er laufend Fehler. Aus demselben Grund läuft er gelegentlich in Zauberform auf. Gerade weil wir nie ganz dicht, also porös verfasst sind, kommen wir auf Ideen, die sich nicht logisch ergeben, sind wir inspiriert, angefressen, kreativ, träumen wir von einem gelungeneren Leben. Die Maschine kann nicht einmal schlafen. Wie sollte sie träumen?

Doris Leuthard wäre so niemals gewählt worden

Gibt die Bundesratswahl zu träumen? Schön wärs. Die Maschine geht auf Nummer sicher. Da tickt sie richtig stark. Sie fischt heraus, wer am besten taugt für die Nachfolge Doris Leuthards – als Nach-Folgerin, im Wortsinne. Gleiche Schuhgrösse, gleicher Charme, möglichst alles gleich zu gleich. Nichts ist konservativer als digitale «Intelligenz», sie urteilt blind nach Daten, also von gestern. Doris Leuthard, heute das Muster, wäre so niemals gewählt worden, sie passte damals nicht wirklich ins alte Profil.

Nach vorwärts brauchen wir natürliche Intelligenz. Evolutionserprobt, mehr Trial & Error als exakt und berechenbar, hat sie ein Gespür fürs Ungefähre, für Veränderung, eine Nase fürs Futur. Zur Bundesratswahl fragt sie nicht bloss: Welche Kandidatin ist clean und bewährt? Sondern: Wer hat noch Appetit auf Zukunft? Wer wirkt so inspiriert, dass man ihr zutraut, künftige, also unbekannte Zwickmühlen kreativ zu meistern? Alles andere können wir der Maschine überlassen.