Als die Betreuerin die Pforte öffnete zum Krabbelgarten, purzelten sie gleich heran, die drolligen Kleinen. Eines klammerte sich ans Bein der Frau, das andere versuchte, ihr den Besen zu entwinden, das dritte warf den Korb um. Alles ganz lustig. Die Frau aber musste sauber machen. Also alles auch lästig. Kaum war der Korb gefüllt mit zusammengefegten Blättern, kippte ihn die Horde. Die Frau konnte von vorn anfangen, weiter einen Strolch als Klotz am Bein und einen am Besen. Die Betreuerin verlor – nicht bloss das Spiel, auch die Nerven.

So trieben es hier junge Pandas im Gehege. Man kann das Video amüsiert im Netz betrachten. Es gibt auch die Version mit männlichem Betreuer; das Chaos ist das gleiche. Eltern dürften das Video unweigerlich als sinnbildlichen Film erleben: fürs tägliche Ringen mit ihrem Nachwuchs – diesen so übermütigen, rund um die Uhr so fies und listig agierenden Glückssaboteuren. Familienbande – man weiss, wo Karl Kraus das Wort betonte: auf «-bande». Man hat Zorbas in den Ohren, gefragt, ob er Familie habe: «Haus, Ehefrau, Kinder», antwortete der Grieche, «die ganze Katastrophe.»

Glücklich, könnte man denken, wer all dem entgeht, der Trinität des Grauens. Oder wie sich ein kinderloser Jurist neulich Familie ausmalte: «Ohne Ende Immissionen!» Also null Familie, als Schadstoff-Begrenzung. Rattert dann noch im Kopf die Kasse, auch ein als vernünftig eingestufter Vorgang, spricht erst recht alles dagegen: Zehn Riesen müsse man abdrücken, pro Jahr und Nase. Hängt der Nachwuchs mit achtzehn noch ein Studium an, ruiniert man sich spielend mit einer Viertelkiste. Und das bei zwanzig Jahren M-Budget, null Dankbarkeit, null «Return on Investment».

Wenn so viel Vernunft dagegen spricht, muss man wohl bescheuert sein, um sich bei Gelegenheit, die Kopie eines Ultraschallbilds in der Hand, gleichwohl zu freuen: «Rührend, wie sich der Winzling auf eigene Faust schon vorkämpfte. Er will wirklich mit Macht die Welt erblicken.» Wozu? Das wissen Eltern kaum von sich selbst genau. Ihnen imponiert die namenlose unvermutete Kraft. Es ist übertragene Kraft: nie zuvor gespürter Drang, einen Naseweis zu schützen.

Hartgesottene mögen immun sein gegen Stupsnase, Kulleraugen und Pipidunst. Mögen Vermehrung bestenfalls für fromme Notdurft halten. Das Vegetative braucht einen Glorienschein, sonst wären Pflicht und Sünde beim Sex überhaupt nicht mehr zu trennen. Warum aber steht nicht nur die Kirche, sondern auch die Gesellschaft mit Lorbeerkranz Spalier für Eltern, scheucht Kinderlose stumm an den Rand, als sei etwas mit ihnen nicht in Ordnung, um sie dennoch kräftig zur Kasse zu bitten? Darauf legte vor drei Wochen Peter V. Kunz in der «Nordwestschweiz» den Finger. Das gab zu reden. Als Betreuer der Meinungsseite, wo sein Beitrag erschien, mailte ich noch gleichentags dem Professor: «Gut, legen Sie mal den Finger darauf. Solchen Fragen müssen sich Familien stellen. Mit Verlaub: Ich bin fünffacher Vater.»

Wenn Kinder uns «still erfüllen», warum üben sich Eltern stets in geschwätziger Pseudotrance? Müssen sie stille Enttäuschung wegschwadronieren? Zu Recht verdriessen Hartgesottene die Ideologie und die Sentimentalität, die rund um «Familienwerte» wabern: «Kindern gehört die Zukunft» – falsch: Kinder sind triumphale Gegenwart. Manchmal so sehr, dass sie alle Gegenwart um sich herum absaugen. Väter und Mütter wissen, sind sie kühl genug, dass Nachwuchs ihr Leben nicht «rundet», sollten sie anfangs auch andere Hoffnungen gehegt haben. Nachwuchs schert aus, «fällt vom Karren», entwickelt «einen Steckgrind», folgt wunderlichen Pfaden, ehe sich mit den Jahren doch eine gewisse Familienspur zeigt, vom Nachwuchs zuerst widerstrebend, dann enger umkreist. Wer meint, sich aus eigenem Schub tief ins All des Lebens zu schiessen, wird sich irgendwann verblüfft als treuer Satellit des Clans wiederbegegnen, stets decodierbar geblieben auf Familienfrequenz, auch ohne Funkkontakt. Altbacken gesagt: Blut ist dicker als Wasser.

Etwas klarer zeichnen sich im Nebel von Ahnen, Eltern, Nachkommen – lauter Unschärferelationen zwischen Gen und Psyche – nur zwei Konturen ab: Der Einzelne ist ein zufällig geknäueltes Wesen vieler Lebensfäden. Ein kurioses Mobile. Als solches schwebt er – mag er sich an Festigkeit einbilden, was immer er will – zeitlebens im Uneindeutigen. Dieses Mobile tragen Kinder nicht weiter, nicht linear. Nicht als Mutters und Vaters Batterieklone. Es bleibt eine Illusion, in Kindern weiter zu ticken, so, wie wir unsere Herrlichkeit, in ihnen frei entfaltet, gern sähen. Kinder verästeln das Familiengebilde noch mehr. Flechten nicht quantifizierbare Stoffe von uns irgendwo ein in unbestimmbarer Dosis, Form und Wirkung. Das macht Eltern zugleich demütig – und reicher. Ihr Ich verliert an Umriss – und gewinnt an Modi Vivendi.

Um alle Möglichkeiten einigermassen zu überblicken – ungezählte Variationen von uns selber via Mama, Onkel, Opa –, braucht es die Erzählung, die Saga, das Familienepos. Egal, ob mit böser Zunge kolportiert oder in guten Treuen. Zusammengefasst ergeben sich daraus Zeitromane, Gesellschaftsgeschichte. Die Familie ist der Mikrobaustein, um Zeitgeschichte zu fassen, ihren Gehalt zu verdichten und zu bewahren. Alles sonst wäre dafür zu flüssig, einzig Blut ist angemessen zäh. Hätten wir keine Familiengeschichten – zwei Drittel an Selbstvergewisserung brächen weg, beim Einzelnen wie im Ganzen.

Und zuletzt, ganz schlicht: Wer bringt meiner Tochter bei, Folgendes zu unterscheiden? Geister und Gespenster. Papa hilft, die Gespenster zu vertreiben. Geister bleiben ihr lebenslang. Es sind jene Wesen, mit denen sie fortan immer gehen, tanzen, atmen wird – Familie.