Die Debatte um die künftige Energieversorgung erinnert ein bisschen an die Debatte um die künftige Altersvorsorge. Ein Teil des Parlamentes lehnt das vorgeschlagene Massnahmenpaket ab; diese Leute fokussieren dabei einseitig auf die Gegenwart, auf allfällige Vor- und Nachteile für uns Heutige. Dabei geht es in beiden Gebieten vorab um die Zukunft, um die Lebensbedingungen für kommende Generationen (Langfristdenken war halt noch nie die Stärke der Politik). Bei der Altersvorsorge sitzen diese Zukunftsblinden im linken Block, bei der Energiestrategie indessen sitzen sie im rechten Block des Parlamentes.

Der Ständerat hat Anfang Woche beim Geschäft «Energiestrategie 2050 – erstes Massnahmenpaket» die letzten Differenzen zum Nationalrat bereinigt. Man rechnet damit, dass das Paket die Schlussabstimmung am letzten Sessionstag übersteht, wenn auch knapp. Doch im rechten Lager werden die Messer gewetzt: Man liebäugelt mit dem Referendum. Die Wirtschaft ist gespalten: Ein Teil ortet in der Energiewende namhaftes Entwicklungs- und Investitionspotenzial (gemäss «Schweiz am Sonntag» sieht zum Beispiel ABB «wegen der Energiewende grosse Chancen»), ein Teil fürchtet neue Belastungen. Vorzeigeunternehmerin Magdalena Martullo-Blocher zum Beispiel würde sich bei einem Referendum «auf jeden Fall finanziell engagieren», wie sie dieser Zeitung verriet. Man dürfe von einem «namhaften Betrag» ausgehen.

Wohin wollen sich die Leute wenden, welche die Wende ablehnen?

Wir fragen uns: Was ängstigt diese Skeptiker eigentlich an der neuen Energiestrategie? Wie es in der Schweiz üblich ist, enthält das erste Massnahmenpaket ja keinerlei extreme Forderungen, alles ist auf Wirtschaftsverträglichkeit hin geprüft. Wohin wollen sich diese Leute wenden, wenn sie die Energiewende ablehnen?

Wollen sie tatsächlich weiterhin auf die Atomkraft setzen? Haben sie nicht mitbekommen, dass AKW nicht mehr rentabel betrieben werden können? Dass die Abfallentsorgung immer noch weit von einer Lösung entfernt ist? Dass auch bürgerliche Menschen heute ein mulmiges Gefühl beschleicht, wenn sie die Jodtabletten in ihrem Apothekerschrank verstauen?

Wollen sie tatsächlich weiterhin die Forschung an und die Förderung von erneuerbaren Energien künstlich tief halten? Sehen sie nicht das gewaltige Energiepotenzial, das uns zum Beispiel die Sonne täglich gratis auf den Planeten schickt?

Wollen sie tatsächlich auf grössere Energie-Effizienz von Gebäuden und Geräten verzichten? Finden sie die aktuelle Verschleuderung sinnvoll? Sehen sie nicht das riesige Investitionspotenzial von Sanierungen und besseren Geräten?

Die Energiewende ist kein linkes Süppchen von grünen Grüppchen

Beklagt wird von den Wende-Gegnern unter anderem die «Subventionitis» zugunsten erneuerbarer Energien. Tatsache ist allerdings, dass die Subventionen für die Produktion von fossilen Brennstoffen weltweit immer noch bedeutend höher liegen als jene zur Förderung nachhaltiger Energieformen. Die Wende-Skeptiker argumentieren auch stark mit der Versorgungssicherheit. Sie haben recht, eine plötzliche Unterversorgung kann sich das Land nicht leisten. Zynisch wird es allerdings, wenn sich dieselben Leute gegen Anstrengungen zugunsten nachhaltiger Energien wehren. Es scheint klar: Die grösste Gefahr für eine gesicherte und nachhaltige Energiezukunft sind Politiker und Politikerinnen, die sich stur dem Wandel widersetzen, welcher die Energiebranche – wie die meisten anderen Branchen – im 21. Jahrhundert erfasst hat. Wir vermögen beim besten Willen nicht zu erkennen, was an der Energiestrategie «links» sein soll. Auch Bürgerliche haben doch Kinder (auch Frau Martullo). Die Energiewende ist definitiv kein linkes Süppchen von grünen Grüppchen. Sie ist ein Langfrist-Prozess, der die Ressourcen schont und die Wirtschaft befeuert.

«Wer das Referendum fürchtet, fürchtet das Volk!», wird man uns entgegenhalten. Naja. Die Aussicht auf ein paar Franken mehr Haushaltlast pro Monat hat schon manchem den Blick auf die so wichtige Langfristperspektive vernebelt. Es wäre schade, wenn unsere Nachkommen in 30 Jahren konstatieren müssten: Die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Wende wären schon 2016 vorhanden gewesen, aber die Politik und/oder das Volk haben sie abgelehnt, weil sie nicht über die eigene Generation hinausgedacht haben.

*Hans Fahrländer arbeitete von 1979 bis 2015 in verschiedenen Funktionen für diese Zeitung, unter anderem als Chefredaktor. Heute kommentiert er das nationale und regionale Geschehen. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.