Ausserirdische

Interstellare Flaschenpost

In seiner Analyse zur Debatte um ausserirdische Zivilisationen, die mehr ist als UFO-Geraune schreibt Christoph Bopp: «Die Annahme ausserirdischer Zivilisation ist weit weniger spekulativ als vieles, was in der heutigen Physik unwidersprochen als Mainstream gilt.»

Wir hatten Besuch. Wir wissen aber nicht, wer oder was uns besucht hat. Im Herbst 2017 klopfte es an und verschwand wieder. Es war der erste Besuch von ausserhalb unseres Sonnensystems. Entdeckt wurde das Ding am 19. Oktober 2017 im Observatorium Haleakala auf Hawaii mit dem Pan-STARSS-Teleskop. Es war 33 Millionen Kilometer weit weg (entspricht 85 Mal der Entfernung Erde–Mond). Künstlerisch dargestellt wird es meist in Form einer Zigarre. Aber seine Form kann man aus dieser Entfernung schlicht nicht beobachten. Was es interessant machte, war sein Verhalten. Es flog mit unüblicher (für das Sonnensystem) Geschwindigkeit und – als es sich wieder aus dem Sonnensystem entfernte – es schien zu beschleunigen.

Zuerst vermutete man einen Kometen, also einen Eisbrocken, aber man sah kein Koma, keinen Schweif. Den sieht man, wenn der Komet durch die Wärme der Sonne erwärmt wird und Wasserdampf oder sonst ein Gas entsteht. So könnte man auch die Beschleunigung erklären, denn das funktioniert wie ein Raketenantrieb. Aber ein Komet war es eben nicht. Und ein Asteroid, ein Steinbrocken, schien es auch nicht zu sein, weil es sich so komisch verhielt. Wann es die Leute auf Hawaii «Oumuamua» getauft haben, ist nicht ganz klar. Übersetzt bedeutet es nämlich ungefähr «Erster Kundschafter».

Wenn man alles Plausible ausgeschlossen hat, bleibt das Bizarre

«Sie kennen ja meine Methode, Watson?» Was können wir lernen von Sherlock Holmes? Der literarische Superdetektiv verwendet eben genau die Methode, welche wir alle – nicht nur die Wissenschaft – anwenden, wenn wir etwas erklären wollen. Wir bilden eine Hypothese und prüfen, ob sie mit den Fakten kompatibel ist. Wenn nicht, schliessen wir sie aus. Und versuchen es von neuem. Natürlich beginnen wir nicht mit den Ursachen, die am weitesten weg sind. Bei Oumuamua fängt man nicht mit der Alien-Hypothese an, sondern eben mit einer Hypothese, die von dem ausgeht, was wir kennen. Und in unserem Sonnensystem fliegen eben Kometen und Asteroiden herum. Aber wenn diese Hypothesen auf die Seite gestellt werden müssen, ja, dann bleiben irgendwann nur noch die Aliens übrig. Natürlich könnte man sagen: Halt, es kann andere – natürliche – Erklärungen für Oumuamua geben, die wir einfach noch nicht kennen. Das ist durchaus vernünftig, gleichzeitig aber auch bezeichnend für eine Haltung, die das Risiko scheut, dass man sich blamiert.

Warum die Alien-Hypothese mit Wissenschaft kompatibel ist

Professor Avi Loeb und sein Postdoc Shmuel Bialy haben in einem wissenschaftlichen Paper die Alien-Hypothese aufs Tapet gebracht. Die Fachwelt war – gelinde gesagt – skeptisch. «Mir ist es egal, was die Leute meinen», sagte Loeb, immerhin Vorsteher des astronomischen Instituts der Universität Harvard, in einem Interview mit der israelischen Zeitung «Haaretz». Wissenschaft treiben heisse eben nicht, ständig auf seine Reputation zu achten. Wenn uns die Daten auf eine neue Fährte führen, sollen wir nicht schweigen, nur weil wir das Gerede fürchten.

Die Annahme von ausserirdischen Zivilisationen hat mit Vorurteilen zu kämpfen, weil die Leute von «Aliens» reden und irgendwelche grüne Sci-Fi-Männchen meinen. Aber als Hypothese ist sie mindestens so glaubwürdig wie anderes, das als physikalischer Mainstream gilt. Die Multiversen-Idee, zum Beispiel, die davon ausgeht, dass sich das Universum dauernd aufspaltet, sobald etwas geschieht; oder die String-Theorie, die von unbekannten Dimensionen handelt, aber weit davon entfernt ist, experimentell getestet werden zu können. Ausserirdische Zivilisationen sind weit weniger spekulativ.

Loeb macht ein schönes Bild. Beim Spazieren am Strand entdecken wir eine Flasche. Wir sollten doch schauen, ob sie eine Botschaft enthält. Bisher horchten wir mit Radioteleskopen ins All auf ein Signal. Das tun wir, weil wir die Radiotechnologie entwickelt haben – vor rund hundert Jahren. Mit Voyager I und II haben wir aber auch etwas rausgeschickt ins Universum. Warum sollten nur wir so etwas tun? Unter Interesse sei, so Loeb, ohnehin «archäologisch». Denn die Zivilisation, die das Ding geschickt hat, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit tot. Das Fenster des Kontakts, wenn man so weit ist, bis man nicht mehr will oder kann, ist klein. Das sollte uns zu denken geben.

christoph.bopp@chmedia.ch

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