Was trennt den Schweizer Gianni Infantino und den Usbeken Gafur Rachimow? Infantino wird von der US-Finanzbehörde nicht als führender Krimineller seines Landes bezeichnet. Und was verbindet die beiden illustren Gestalten? Beide sind gewählte Präsidenten eines internationalen Sportverbandes. Infantino führt seit zwei Jahren höchst erfolgreich die Fifa, Rachimow seit vorgestern offiziell den Welt-Boxverband.

Dass beide an diesem Wochenende für Schlagzeilen sorgten, entspricht einer neckischen Konstellation, aber ist keinesfalls zufällig. Neue Enthüllungen über Gianni Infantinos Gebaren an der Spitze des Weltfussballs lassen zum wiederholten Mal Zweifel an der Integrität des Italo-Schweizers aus dem Wallis aufkommen. Er soll reiche Klubs in der Hand von arabischen Scheichs massiv begünstigt haben und er soll den neuen Ethikcode der Fifa zur Ahndung von ungebührlichem Verhalten quasi durch die Hintertür entschärft haben. Die Luft werde immer dünner für die angestrebte Wiederwahl Infantinos als Fifa-Präsident im nächsten Jahr, behaupten Kritiker. Aber ist dies tatsächlich der Fall?

Das beste Wahlversprechen im Sport? Ewiger Reichtum!

Dünner als für Gafur Rachimow kann die Luft bei einer Wahl definitiv nicht sein. Von der mächtigen US-Justiz geächtet, vom nicht minder einflussreichen Internationalen Olympischen Komitee mit dem Ausschluss der gesamten Sportart aus dem olympischen Programm bedroht, schaffte der usbekische Geschäftsmann trotzdem ein Glanzresultat. 86 von 137 Delegierten gaben dem 67-Jährigen ihre Stimme. Dies trotz Geschichten über organisierte Kriminalität und Heroinhandel im grossen Stil. Rachimows Rezept? Versprechen von ewigem Reichtum.

Im Vergleich zur Ausgangslage des usbekischen Paten erscheint das «Projekt Wiederwahl» für Gianni Infantino wie ein Leben auf dem Ponyhof. Wäre der Walliser Politiker, längst hätte eine bissige Kommission die Untersuchung der verschiedenen Vorwürfe an die Hand genommen. Doch Infantino ist Präsident der Fifa und die kennt eigene Gesetze. Will er im nächsten Sommer seine Regentschaft für vier weitere Jahre verlängern, genügt ein einfacher Mechanismus: Den Verbänden noch ein wenig mehr Geld versprechen. Und schon lieben sie ihn wieder, ihren Gianni.

Sportverbände bleiben auch im Jahr 2018 geschlossene Gesellschaften mit eigenen Regeln. Demokratische Prinzipien werden hingebogen und passend gemacht. Eine geschützte Werkstatt für Funktionäre. Medien und Whistleblower decken zwar ethisches Fehlverhalten in immer schwindelerregender Kadenz auf, doch passiert ist eigentlich wenig bis nichts. Der einzige Fallstrick für die Herrscher der Sportwelt bleiben strafgesetzliche Misstritte – verbunden mit dem Willen der Justiz, solche denn auch zu erkennen. Dann rumpelt es für einen kurzen Augenblick im Zürcher Fünf-Sterne-Hotel. Obskure Figuren werden abgeführt und durch neue Gesichter ersetzt. Diese versprechen zuerst Wandel und bald das Blaue vom Himmel. Die Öffentlichkeit reibt sich verwundert die Augen, die geschlossene Gesellschaft applaudiert und macht den Bock zum Gärtner.

Die Politik soll eingreifen: Da lachen ja die Hühner

Immer lauter werden die Rufe nach staatlicher Einflussnahme. IOC, Fifa und wie sie alle heissen, sollen ans Gängelband der Politik genommen werden. So lautet die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Vor genau einem Monat winkte Gianni Infantino in Strassburg gemeinsam mit Thørbjorn Jagland, dem Generalsekretär des Europarates, in die Kameras. In einer Vereinbarung will man verbindende Werte wie Menschenrechte, Integrität und Good Governance gemeinsam stärken. Auf diese Weise wird die Politik nicht zum Regulator, höchstens zum Steigbügelhalter.

Ja, Gianni Infantino hatte sie alle: Wladimir Putin, Donald Trump, Xi Jinping und den Kronprinzen von Saudi-Arabien. Dazwischen wird die Fifa nicht müde zu betonen, dass sie eine apolitische Organisation ist. Vielleicht müssen wir letztlich sogar froh sein, dass die Politik die Sportverbände weiterhin in Ruhe wirken lässt. Oder würde es Sie tatsächlich beruhigen, wenn Donald Trump künftig Gianni Infantino auf die Finger schaut?

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