Persönlich

«Incentive-Reisen»: Der Zwang zum Wachstum

Gestern fluteten 4000 Chinesen die Stadt Luzern.

Gestern fluteten 4000 Chinesen die Stadt Luzern.

Die Stimmungslage ist schwer zu fassen. Es ist irgendetwas zwischen ungläubigem Staunen und schierem Unverständnis. Da kommt einer US-amerikanischen Firma nichts Gescheiteres in den Sinn, als ihren 12 000 China-Angestellten für deren überdurchschnittliche Arbeitsleistung eine Schweiz-Tour zu offerieren.

«Incentive-Reise» nennt man dies in der Branche. Und es gibt immer mehr davon. Weil die Aussicht auf Fernreisen offensichtlich die Verkaufslust befeuert. Das Resultat: Gestern fluteten 4000 Chinesen die Stadt Luzern. Der Tourismusdirektor mahnte Geduld und «Extra-Toleranz» an, die Bijoutiers und Hoteliers rieben sich die Hände.

Alles paletti also? Es scheint fast so. Doch über den Tag hinaus könnte man sich schon ein paar Fragen stellen. In Zeiten zumal, da eine moralisch-ethische Debatte das Land überzieht, ob Gymnasiastinnen und Gymnasiasten noch erlaubt werden soll, ein Flugzeug zu besteigen, um auf Maturareise zu gehen. Und ihnen gleichzeitig von global tätigen Unternehmen vorgelebt wird, dass im Berufsleben die weitesten Reisen unternehmen kann, wer sich durch maximalen Output hervortut.

Im Fall des Unternehmens Global Jeunesse geht es übrigens um den Verkauf jener Produkte, die den gnadenlos alternden Menschen gnadenlos jugendlich erhalten wollen – und zwar im Direktvertrieb, ohne Zwischenhändler, mit maximalem Profit.

Warum mir gestern plötzlich der Oltner Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger in den Sinn kam? Ganz einfach: Er hat ein neues Buch geschrieben. «Der Wachstumszwang» heisst es. Ich wünsche dem Autor guten Absatz über den Zwischenhändler Buchhandel und hoffe, sein Verlag hat keine «Incentives» im Angebot.

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Balz Bruder

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