«Sitzt Sepp Blatter immer noch im Gefängnis?», fragt mich der Taxifahrer unvermittelt, nachdem ich seine Frage nach meiner Herkunft beantwortet habe. Blatter sei nie gesessen, stelle ich klar. «Gott sei Dank», sagt der Fahrer. Am Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz. Er komme aus Haiti, erzählt der vielleicht 25-Jährige, und dort möge man Blatter, weil er sich für die armen Fussball-Länder eingesetzt habe. «Die Amerikaner wollen ihn hinter Gitter bringen, da er die WM lieber in Afrika als in den USA durchführt!»

Einmal mehr versuchen nun die USA, die WM ins eigene Land zu holen. Sie bewerben sich gemeinsam mit Kanada und Mexiko für die Weltmeisterschaft 2026. Erstmals werden 48 Mannschaften daran teilnehmen. Der Zuschlag für diese Dreierkandidatur schien so gut wie sicher, Gegenkandidat Marokko galt als Aussenseiter. Doch der neue Wahlmodus macht die Sache unberechenbar: Wer die WM durchführen darf, darüber entscheidet nicht mehr das 22-köpfige Fifa-Exekutivkomitee, sondern die Vollversammlung aller 211 Fifa-Länder. Erste Verbände, etwa aus der Karibik, aber auch Frankreich haben öffentlich Stellung für Marokko bezogen. Sepp Blatter ebenfalls, aber das ist, ausser für meinen Taxifahrer, kaum massgebend. Schon eher die Tatsache, dass Donald Trump einige Entwicklungsländer als «Dreckslöcher» bezeichnet hat; hilfreich dürfte das für die amerikanische Kandidatur nicht sein.

Ebenso wenig, dass mehrere US-Städte gar keine WM-Spiele austragen wollen. Fussball bleibt hier die unwichtigste Nebensache der Welt, auch 40 Jahre, nachdem die ersten Stars aus Europa in die US-Fussballliga wechselten: Franz Beckenbauer, später Lothar Matthäus, jüngst Bastian Schweinsteiger und Zlatan Ibrahimovic. Die alternden Profis verdienen gutes Geld, aber sie spielen oft vor halbleeren Stadien, und sie sind kleine Nummern im Vergleich zu den Stars aus dem Baseball, American Football, Basketball und Eishockey.

In Boston mussten wir lange suchen, um Panini-Bildchen für Russland 2018 zu bekommen (die USA sind nicht qualifiziert). An der Schule kennen unsere Kinder niemanden, mit dem sie tauschen könnten. Und so schicken sie halt ihre doppelten Bildchen per Post an ihre Cousins und Freundinnen in die Schweiz, diese ferne Fussball-Hochburg.