Ich bin ein Fan von Geldspielen. Nicht weil ich selbst spiele, nein, so blöd bin ich nicht. Sorry, liebe Geldspieler, aber ich staune immer wieder, wie Menschen Geld verlieren können und davon überzeugt sind, dass sie eigentlich immer nur gewinnen. Nein, ich mag Geldspiele, weil ich als eifriger Konsument von Theater, Ballett, Musik, Museen und als AHV-Rentner zu den Einzigen gehören, die wirklich immer gewinnen. Ohne je ein Los zu kaufen. Ich profitiere als Kulturkonsument vom Gewinn der Lotterien. Ich mag sowieso alle Formen von Taxen und Steuern, die für eine gerechte Umverteilung des Geldes sorgen, für einmal von unten nach oben und nicht immer umgekehrt. Von den Süchtigen zu den Gesunden (Tabaksteuer), von den Abhängigen zu den Unabhängigen (Alkoholsteuern). 

He ja, man darf das ohne Ironie feststellen: Die Leute, die dafür sorgen, dass ich am Kiosk relativ lange warten muss, bis ich meine Zei- tungen kaufen kann, weil sie noch dieses und jenes Los kaufen wollen und damit viel Zeit verbringen, sind – soweit ich das aufgrund meiner spontanen Einschätzungen beurteilen kann – mehrheitlich eher arme Schlucker, einsame Menschen mit niedrigen Einkommen, Pensionierte mit wenigen Erspartem, Menschen, die ihr Heil beim Geldspiel suchen, weil ihnen das Leben sonst nicht viel Glück gebracht hat. Und ich staune jedes Mal, wenn ich sehe, wie viel Geld diese Leute für die Lotterielösli ausgeben. Fast mehr als für Hundefutter. Das geht rauf bis auf hundert Stutz.

Eigentlich sollte man die Steuern als riesiges Geldspiel organisieren

Wenn ich jeweils für 25 Franken Zeitschriften und Zeitungen poste, sagt der Kioskverkäufer leicht spöttisch, jetzt haben Sie aber was zu lesen am Wochenende. Den Löslikäufern sagen die Kioskverkäufer(innen) nichts. Sie könnten beispielsweise schnippisch bemerken, jetzt hats sich echt gelohnt, gell Opa! Wenn dieser wieder mal 60 Franken auf den Tresen gelegt und dafür vierzig gewonnen hat. Eigentlich sollte man alle Steuern als riesiges Geldspiel organisieren, bei dem Milliardäre ihre Milliarden verlieren und dabei erst noch einen Riesenspass haben. Was wir mit den Armen machen, sollte doch auch mit den Reichen zu machen sein. Oder sind die etwa nur so reich, weil sie bei solchem Hokuspokus, wo man nur verlieren kann, nie mitmachen würden? Kann sein. Um es ganz einfach zu sagen: Die Geldspiele dienen dazu, den weniger begüterten und weniger gebildeten Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, um damit den besser gebildeten, eher begüterten Menschen, die ins Konzert, ins Theater und ins Museum gehen, ihr Vergnügen zu verbilligen. Eine echte Umverteilung des Vermögens von unten nach oben, und das Ganze als Spiel organisiert, rund um das Versprechen, das schon beim Ablasshandel einschenkte: Hier, lieber Mensch, lockt die grosse Chance, das grosse Glück, das Heil.

Schon die katholische Kirche hatte den richtigen Riecher

Aber es kostet. Ja, so wurde schon die katholische Kirche reich. Mit der Ablass-Lotterie. Auch bei diesem Spiel war ja keiner sicher, dass er wirklich in den Himmel kommt. Man stelle sich mal vor, jemand käme auf die Idee, zu sagen: Damit wir uns ein reiches Kulturleben leisten können, sollten eigentlich all jene, die nie ins Theater, ins Konzert oder ins Museum gehen, eine Kultursteuer zahlen, damit die Menschen, die an Kultur interessiert sind, günstiger zu ihrem Vergnügen kommen. Das gäbe einen Aufruhr, denn das würde als höchst unsozial, als zynisch und geradezu unanständig verurteilt. Aber dank den Geldspielen ist es nun mal so. Und das finde ich genial. 

Ich weiss immer noch nicht, ob ich zum neuen Geldspielgesetz Ja oder Nein sagen soll. Einerseits find ich auch, das Geld sollte in der Schweiz bleiben, ausländische Organisatoren, die keinen Rappen in unsere Institutionen rückfliessen lassen, sollten von unserem Land ferngehalten werden. Wenn das überhaupt möglich ist. Andrerseits bin ich als liberaler Mensch eher gegen Internetsperren, sie erinnern mich zu sehr an China und andere Diktaturen, die ihren Untertanen vorschreiben, wie sie chatten, googeln und Geld verlieren sollen. Da sage ich spontan, wehret den Anfängen. Und: Wenn Netzsperren schon zur Abwehr der Pornoflut nicht greifen, wie sollten sie dann effizient sein gegen Anbieter von Glücksspielen und Internet-Wetten? Aber der Versuch lohnt sich. Darum sag ich eher Ja.