Pro und Kontra

Hilft der Videobeweis dem Fussball? Die az-Redaktion ist sich nicht einig

Referee Damir Skomina griff am Confed Cup bei Chile - Kamerun zweimal auf den Videobeweis zurück.

Referee Damir Skomina griff am Confed Cup bei Chile - Kamerun zweimal auf den Videobeweis zurück.

Am Confed Cup testet die Fifa den Videobeweis. Zählt ein Tor oder nicht? Die strittigen Fälle können neu mit technischer Hilfe überprüft werden. Aber tut das dem Fussball wirklich gut? Und gehen nicht die Emotionen verloren, wenn nur noch auf Vorrat gejubelt wird?

Mehr zum Videobeweis am Confed Cup lesen Sie hier.

Pro: "Beim Fussball ist es wie bei der ersten Mondlandung"

Etienne Wuillemin, Ressortleiter Sport: Der Video-Beweis ist zwingend, weil es im Milliarden-Business Fussball um zu viel geht. Die Kinderkrankheiten werden verschwinden.

"Die Aufregung ist riesig. Und sie trifft die Fussball-Welt mit voller Wucht. Endlich ist der VideoBeweis da – und doch soll nun alles schlecht sein!

Worum geht es? In Russland findet derzeit der Confederations Cup statt, eine Art Hauptprobe für die Fussball-WM in einem Jahr. Erstmals darf der Schiedsrichter strittige Szenen mithilfe eines Video-Schiedsrichters überprüfen. War das Tor wirklich korrekt? Oder war es doch Foul oder Abseits? War ein Platzverweis wirklich korrekt?

Im Milliarden-Business Fussball geht es um viel zu viel, als dass die ständig wiederkehrenden Fehlentscheide einfach so hingenommen werden dürfen. Darum braucht es den Video-Beweis. In den grössten Welt-Sportarten sind technische Hilfsmittel längst normal. Da ist es nur logisch, dass der Fussball mitzieht. Ob WM, EM oder Champions League: Der grenzenlose Ärger muss aufhören. Nun schleicht sich aber eine Angst ein. Nämlich, dass die Seele des Fussball verloren gehe. Dass Emotionen oder gar Eruptionen wegfallen. Weil die Spieler nach einem Tor nicht mehr vorbehaltlos jubeln können. Weil sie bis zu einer Minute warten müssen, ehe Schiedsrichter und Video-Assistent das Tor für wirklich korrekt befinden. Vielleicht würde es helfen, der Debatte etwas die Hektik zu nehmen. Und sich in Erinnerung zu rufen: Der VideoBeweis wird getestet. Und wie bei jedem Test ist auch bei diesem noch nicht alles gut. Aber auch der Einsatz von Drohnen, die erste Mondlandung oder Herzoperationen waren nicht urplötzliche Wunder. Sondern von langer Hand geplant.

Gut ist, dass die Fehlentscheide in der Praxis tatsächlich nahezu ausnahmslos korrigiert werden können. Problematisch ist derzeit aber tatsächlich, dass noch zu oft Ratlosigkeit herrscht. Warum wird eine Szene überprüft? Und wie sieht das Ergebnis aus? Das muss klarer werden. Beispielsweise, indem der Schiedsrichter via Lautsprecher direkt zum (TV-)Publikum spricht.

Es ist logisch, dass die Fifa den Video-Beweis konsequent weiterentwickeln wird. Doch die Angst des emotionsfreien Fussballs ist unbegründet. Die Kinderkrankheiten werden verschwinden. Und der Video-Beweis wird bald schon Normalität sein. Am liebsten bereits an der WM in einem Jahr."

Kontra: "Die dümmste Idee seit Helene Fischer: Video essen Seele auf"

Fabian Hock, Redaktor Ausland: Das von Hand in die Luft gemalte Rechteck, das Batman-Symbol des Über-Schiris, raubt dem Fussball das letzte bisschen Glaubwürdigkeit.

"Der Videobeweis im Fussball funktioniert nicht. Das bekommen wir gerade eindrücklich beim Confederations Cup vorgeführt. Und in Wahrheit ist es noch viel schlimmer: er raubt, um es mit dem hier angebrachten Pathos auszudrücken, dem Fussball seine Seele.

Die Seele des Fussballs sind Emotionen. Der Jubel in der Sekunde des Torerfolgs. Schon die pure Existenz des Videobeweises indes schiebt jedes Glücksgefühl, das bislang unmittelbar mit einem Treffer der eigenen Mannschaft ausbrach, ins Eisfach. Zwar nur für Sekunden, vielleicht eine Minute, aber diese Zeit ändert alles. Der Blick rüber zum Linienrichter, der allenfalls Abseits anzeigt, gelingt noch mitten im Sprint in die Fankurve. Bleibt die Fahne unten, wird explodiert. Unmittelbar. Mit dem Videoschiri steht aber plötzlich eine bürokratische Instanz zwischen Erfolg und Emotion, die das Unmittelbare eines geschossenen Tores unwiederbringlich zerstört.

Dass der Videoschiedsrichter nur im Falle von eindeutigen Regelverstössen zurate gezogen werden soll, macht es nicht nur nicht besser, sondern entlarvt das ganze Konzept alles völlig sinnlos: Denn wo ist eigentlich mehr Gerechtigkeit geschaffen, wenn auf der einen Seite ein grober Fehlentscheid korrigiert wird, im Gegenzug aber ein Tor nach einem Foul fällt, das bereits in der Entstehung des Treffers begangen wurde und vom Videoschiri nicht berücksichtigt wird? Wir alle wissen, dass die Abwehr im Sturm beginnt – aber wo beginnt ein Tor? Strittige Aktionen gibt es in fast jedem Angriff. Soll sich der Videobürokrat unterm Stadiondach das alles nun dreimal zu Gemüte führen – und wir künftig zwei Minuten oder länger im Eisfach warten?

Wer angesichts neuer technischer Möglichkeiten einen Gerechtigkeitsfetischismus entwickelt hat, der sollte sich einen anderen Sport aussuchen, um diesen auszuleben. Fussball ist keine gerechte Sache. Daran ändert auch der Videobeweis nichts. Fussball ist aber ein einfaches, emotionsgeladenes Spiel. Und daran ändert der Videobeweis alles. Will der Fussball zumindest einen Teil seiner Seele behalten, an der die Kommerzialisierung – oder wie es seit dem DFB-Pokalfinal heisst: die Helene-Fischerisierung des Fussballs – erfolgreich nagt, dann müssen wir verhindern, dass ihm jetzt auch noch die Emotionen genommen werden."

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