Anna ist Ende dreissig, Fotografin, alleinerziehende Mutter einer 13-jährigen Tochter. Marissa ist «im Autismus-Spektrum», wie man das nennt, mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert. Sie zeichnet detaillierte Storyboards für zwanzigteilige Fantasyserien auf, liebt Ponys und hasst Veränderungen. Anna und Marissa wohnen in einer etwas heruntergekommenen Wohnsiedlung, wo fast jede Nacht die Polizei kommt. Blaulicht und Sirenen sind schwierig für Marissa. Und die Miete selbst dieser schäbigen Wohnung für Anna eigentlich zu hoch. Santa Fe ist eine Touristenstadt. Wohnungen gibt es fast nur auf Airbnb zu mieten. Neben ihren Aufträgen jobbt Anna als Babysitterin.

Vor drei Monaten «raste mein Leben gegen eine Wand». Das Hütebaby war gerade eingeschlafen, als die Schulleiterin anrief, sie müsse ihre Tochter abholen, sie sei wieder einmal ausgerastet. Wieder einmal hatte ein Mitschüler während des Unterrichts in eine Trillerpfeife geblasen. Der schrille Ton macht Marissa wahnsinnig. Sie schreit, hält sich die Ohren zu, rennt im Kreis herum – zum Gaudi der Klasse.

«Ich wünschte, ich könnte ihr etwas Besseres bieten», sagt Anna immer wieder. New Mexico hat die schlechtesten Schulen in den ganzen Vereinigten Staaten, die meisten Aussteiger, Drogenprobleme und ungewollten Schwangerschaften. Dass Trump der Stadt Santa Fe wie allen Sanctuary Cities das Budget gekürzt hat, hilft auch nicht. In der Primarschule hatte Marissa noch eine Betreuungsperson an ihrer Seite, doch in der Mittelschule gibt es keine solche Hilfeleistungen mehr. «Integrierter Unterricht» heisst schlicht: «Schlag dich halt durch, so wie alle anderen auch.»

Anna packte das quengelnde Hütebaby in den Autositz, doch dann – sprang ihr das Auto nicht an. Es sprang nicht an. Es sprang nicht an.

Die Schulleiterin rief wieder an: Wo sie denn bleibe? Zähneknirschend bestellte Anna einen Uber. Wieder zwanzig Dollar weg, dachte sie. Als sie sich mit dem Babysitz auf den Rücksitz gezwängt hatte, brach sie in Tränen aus.

Der Fahrer beobachtete sie im Rückspiegel. «Was ist los?», fragte er. Und Anna schüttete ihm ihr Herz aus. Vom Auto über die unbezahlten Rechnungen über die Zustände in Marissas Schule, die nächtliche Randale im Wohnblock bis zum Stress, das alles allein zu stemmen.

«Warum ziehst du nicht nach Los Alamos?», fragte der Fahrer. Als sei es das Natürlichste der Welt.

«Los Alamos? Was will ich da?» Die kleine Stadt, vierzig Fahrminuten von Santa Fe entfernt, wurde durch das Manhattan Project bekannt. Dort wurde in den vierziger Jahren die Atombombe entwickelt. Noch heute leben dort vor allem Wissenschaftler, die in den Staatlichen Laboratorien arbeiten. «Die haben die besten öffentlichen Schulen», erklärt der Fahrer. «Geld für Sonderförderung. Und da gibt es eine Siedlung mit subventionierten Wohnungen, Las Palomas, schau dir das mal an.»

Es klang zu gut, um wahr zu sein.

Doch später, als das Baby abgeholt, das Auto abgeschleppt, die Tochter beruhigt war, googelte Anna «Los Alamos» und «Las Palomas». Und da war genau eine einzige Dreieinhalbzimmerwohnung ausgeschrieben, für 550 Dollar im Monat, die Hälfte von dem, was sie für ihre jetzige, heruntergekommene Bleibe zahlte.

Sie meldete sich sofort zum Besichtigungstermin an, ohne sich grosse Chancen auszurechnen. Ihrer Tochter sagte sie nichts, wie die meisten Asperger-Betroffenen hat Marissa Mühe mit Veränderungen.

Achtzig Bewerber drängten sich in der Wohnung.

«Ich bin hier, weil ich mich bei einem Uber-Chauffeur ausgeheult habe», sagte Anna, als sie ihre Bewerbung abgab.

«Ich hab Hühnerhaut», antwortete die Angestellte der Verwaltung und setzte Anna ganz oben auf die Liste.

Drei Monate später, Anna und Marissa sind umgezogen, das neue Schuljahr hat begonnen. In der neuen Schule bläst niemand auf Trillerpfeifen und in der neuen Wohnung ist es nachts ruhig – «fast zu ruhig», sagt Anna. «Ist das nicht verrückt? Der absolute Tiefpunkt meines Lebens hat die Wende gebracht!»

Und das ist genau das, was manche Freundinnen nicht verstehen. «Ich würde doch nie einem Fremden meine Problemeerzählen!», sagen sie. Oder: «In der Öffentlichkeit heulen, wie peinlich.»

Annas Geschichte ist keine einfache. Nicht alle ihre Probleme haben sich in Luft aufgelöst. Aber sie beweist: Hilfe ist da. Überall. Wir müssen nur zugeben, dass wir sie brauchen. Die Hand ausstrecken, in Tränen ausbrechen.