Das Institut GfS Bern hat kürzlich ein «Europa-Barometer» publiziert. Es ging darin um die Beziehungen der Schweiz(er) zu Europa: Wer fühlt sich hier überhaupt als Europäer(in)? Quasi als Nebenprodukt liess sich aus der Untersuchung herauslesen: Wo fühlen sich Schweizerinnen und Schweizer besonders zu Hause? Was definieren sie als ihre Heimat: ihre Gemeinde, ihren Kanton, ihr Land oder eben Europa? Dies vorneweg: Europa schnitt schlecht ab, nur 11 Prozent spüren Heimatgefühle, wenn sie an Europa denken. Aber sonst? Heimat ist primär das Dorf, oder?

Nein, eben nicht (mehr). Anfang Jahrtausend war das noch so. Aber das jüngste Barometer zeigt: Identifikationsfaktor Nummer 1 ist die Schweiz, dieser Hort von Bergen, Seen und Stabilität. Die Wohngemeinde liegt nur noch an vierter Stelle, hinter dem Land, der Sprachregion und dem Kanton. Der Hauptgrund dürfte sein: Immer weniger Menschen leben noch in «ihrer» Gemeinde, wo sie aufgewachsen sind, die Arbeitsstelle oder günstigere Wohnungen verschlägt sie irgendwo hin, von wo sie ins nächstgelegene Zentrum pendeln. Das nennt man wohl «Preis der Mobilität».

Dies ist eine Aargau-Kolumne. Demgemäss interessiert uns vor allem: Kann ein Kanton, kann der Aargau Heimat-Gefühle wecken? Es gibt unterschiedliche Signale. In der GfS-Studie liegt der oft als blosse Verwaltungseinheit gegeisselte Kanton erstaunlicherweise vor der Gemeinde. Doch als diese Zeitung die Ergebnisse der GfS-Studie kürzlich publiziert hat, führte sie auch ein Gespräch mit Sibylle Lichtensteiger, Leiterin des Stapferhauses Lenzburg und Gestalterin der aktuellen Ausstellung «Heimat». Nach Lichtensteigers Erfahrung sind die Kantone kein Identitätsfaktor. Ähnlich wie Europa seien sie für die Menschen «abstrakte Produkte, die es nicht geschafft haben, sich emotional aufzuladen».

Also was jetzt? Heimatstiftender als die Gemeinde oder abstraktes Produkt, das uns kalt lässt? Der Welsche würde sagen: ça dépend. Es kommt auf den Kanton an, Walliser, Bündner oder Appenzeller entwickeln nach aller Erfahrung mehr Korpsgeist, auch mehr Selbstüberzeugung als zum Beispiel der bunt zusammengewürfelte Aargau. Es kommt aber auch auf die einzelnen Menschen an: Wer in den Aargau gezogen ist, weil es sich hier günstiger leben lässt als in Zürich oder Basel, dem ist der Aargau ziemlich schnuppe. Wer aber hier aufgewachsen und geblieben ist und sich für gute Ziele eifrig engagiert, für den ist der Aargau eine schöne, abwechslungsreiche, identitätsstiftende, tolle Heimat.