Hohe Arztlöhne

Heikle Operation

Andreas Möckli: «Selbstverständlich gibt es gute Gründe, weshalb Ärzte mehr verdienen. Dennoch soll die Frage erlaubt sein, weshalb die Löhne so hoch sein müssen.» (Archivbild)

Andreas Möckli: «Selbstverständlich gibt es gute Gründe, weshalb Ärzte mehr verdienen. Dennoch soll die Frage erlaubt sein, weshalb die Löhne so hoch sein müssen.» (Archivbild)

Eine Analyse von Andreas Möckli, stv. Ressortleiter Wirtschaft, zur Diskussion über die hohen Ärztelöhne.

Knapp 18 300 Franken beträgt im Schnitt der Monatslohn eines Facharztes in der Schweiz. Das ergibt ein stolzes Jahressalär von rund 220 000 Franken. Dies sind die nackten Zahlen einer Studie, die das Bundesamt für Gesundheit diese Woche veröffentlicht hat.

Der Aufschrei der Ärzteschaft war erwartbar. Das Amt hebe besonders die Gruppen wie Neurochirurgen hervor, die sehr viel verdienten, kritisierte die Ärztevereinigung FMH. Dabei handle es sich aber um eine kleine Minderheit. Statt selektiv auf statistische Ausreisser zu fokussieren, forderte der Berufsverband mit 40 000 Mitgliedern eine faire Diskussion über die Löhne der Mediziner.

Die kritisierten «statistischen Ausreisser» spielen jedoch eine Nebenrolle. Mit der Angabe des Medians werden diese Ausreisser in der Studie ohnehin relativiert. Der Median ist jener Wert, der von der einen Hälfte aller erfassten Zahlen überschritten und von der anderen Hälfte unterschritten wird. Für statistische Lohnvergleiche ist der Median im Gegensatz zum Durchschnitt meist aussagekräftiger, weil er deutlich weniger durch einzelne Ausreisser verzerrt wird.

Fakt ist, dass Ärzte sehr gut verdienen und ihr Lohn weit über dem Median anderer akademischer Berufe liegt. Dies zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. So beträgt der Median bei Angestellten mit einem Hochschulabschluss knapp 113 000 Franken. Angestellte Spitalärzte verdienen dagegen 197 000 Franken, also rund drei Viertel mehr.

Selbstverständlich gibt es gute Gründe, weshalb Ärzte mehr verdienen. Ihre Ausbildung dauert deutlich länger als etwa jene von Juristen, Ökonomen oder Lehrern. Zudem tragen Mediziner eine hohe Verantwortung, geht es doch in ihrem Beruf im Extremfall um Menschenleben. Dennoch soll die Frage erlaubt sein, weshalb die Löhne so hoch sein müssen.

Doch statt sich dieser Diskussion zu stellen, zündet die Ärztevereinigung FMH lieber Nebelpetarden: In der Studie seien die Einkommen der rund 10 000 Assistenzärzte nicht berücksichtigt, die mit knapp 100 000 Franken pro Jahr deutlich weniger verdienten. Die Studienautoren hatten jedoch gar nicht den Auftrag, diese zu analysieren, sie betrachteten einzig die Löhne der Fachärzte.

Hinzu kommt, dass Assistenzärzte sich noch in der Ausbildung befinden. Auch Lehrlinge und Praktikanten arbeiten mit zunehmender Praxis als wichtige Arbeitskräfte in ihren Betrieben mit. Niemand käme aber auf die Idee, ihre Saläre für eine Durchschnittsbetrachtung in eine Lohnstudie aufzunehmen.

Gegen den Ruf nach einer fairen Diskussion über Gehälter seitens der Ärzte ist nichts einzuwenden. Doch die Vereinigung FMH spielt selber nicht mit fairen Mitteln. Wie aufgezeigt, versucht sie, mit Scheinargumenten und eigenen Zahlen von der eigentlichen Debatte abzulenken. Dabei stellt sich mit dem drohenden Hausärztemangel ein wichtiges Thema, das sehr viel mit Ärztelöhnen zu tun hat.

Die Studie ruft nochmals deutlich in Erinnerung, wie gross die Einkommensunterschiede zwischen Hausärzten und Spezialisten sind. Gastroenterologen dürfen einen Medianlohn von 386 000 Franken für sich beanspruchen. Auch Radiologen, Neurochirurgen und Augenärzte verdienen mehr als 300 000 Franken. Am anderen Ende befinden sich die Hausärzte mit 196 000 Franken oder die Psychiater, deren Löhne noch etwas tiefer liegen. Das ist für Normalverdiener noch immer sehr viel Geld, einen Anreiz sich als Hausarzt zu betätigen, sind diese Saläre dennoch nicht.

Zwar wurde der Ärztetarif inzwischen zugunsten der Grundversorger angepasst, was in den Zahlen der Studie noch nicht berücksichtigt ist. Dennoch lässt sich schon jetzt sagen, dass der Graben zwischen Spezialisten und Hausärzten weiterhin gross bleibt. Nicht zuletzt deshalb sind Verhandlungen um eine neuerliche Anpassung des Ärztetarifs im Gang. Die Vereinigung FMH setze sich «mit grossem Engagement» für eine Revision des Tarifs ein.

In der jüngeren Vergangenheit musste jedoch der Bundesrat eingreifen, da sich die Ärzte, Spitäler und Krankenkassen nicht einigen konnten. Statt fundierte Studien anzugreifen und Verwirrung zu stiften, würden die Ärzte lieber ihren Worten endlich Taten folgen lassen. Sie sind aufgefordert, einem überarbeiteten Tarif zum Erfolg zu verhelfen, der auch der wichtigen Arbeit der Grundversorger gerecht wird.

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