Mein Geständnis am Anfang: Ich bin ein Fan von Raiffeisen, schon seit langer Zeit. Eine halbe Milliarde Raiffeisen-Genossenschafter weltweit können sich ja nicht irren. Zwar bin ich weder Genossenschafter noch Bankkunde, jedoch – es sei wiederholt – ein Fan. Meine Eltern sind seit Jahrzehnten glückliche Genossenschafter und Generalversammlungsbesucher bei der Raiffeisenbank Dulliken-Starrkirch, und ich bin – habe ich dies schon gesagt? – ein Fan von Raiffeisen. Doch selbst ein Fan darf die Augen nicht verschliessen vor Realitäten sowie Problemen, von denen es – leider – ziemlich viele gibt bei Raiffeisen Schweiz.

Ich gehe nicht ein auf die «Affäre Vincenz» oder auf die «Affäre Verwaltungsratshonorare» (dass die kürzlich erfolgte Erhöhung um 40 Prozent fragwürdig erscheint, dürfte jedem klar sein, der nicht sensibilitätsreduziert ist). Meine Kritik der letzten Wochen hat mir zahlreiche erzürnte Zuschriften eingebracht, die mir insbesondere eine Frage gestellt haben: «Weshalb haben Sie denn Raiffeisen nicht schon früher kritisiert?»

Tatsache ist: Genau das habe ich getan, und zwar seit Jahren, in Interviews und Referaten und Vorlesungen. Doch niemand wollte diese Kritik hören, nicht die Genossenschafter und nicht die Medien, die am «Mythos Raiffeisen» – ja, ein so sympathischer Sportsponsor – nicht kratzen wollten. Raiffeisen hat indessen drei Zentralprobleme, die gelöst werden müssen.

1. Verwaltungsrat (VR): Sämtliche Mitglieder des VR sind vermutlich nette und sympathische Menschen, doch dies genügt nicht. Die offensichtlich (zu) kleine Bankenexpertise im (zu) grossen Gesamtgremium wird nicht kompensiert durch den Einbezug von Politikern; dies machten früher zahlreiche Kantonalbanken, mit desaströsen Folgen. Ein schwacher VR nützt weder den Genossenschaftern noch den Kunden, sondern allenfalls einer dadurch kaum kontrollierten Geschäftsleitung. Es muss künftig das Motto gelten: «Profis statt Amateure» – auch wenn dies nicht billiger, sondern teurer wird.

2. Corporate Governance: Darunter werden Mechanismen zur Kontrolle und zur Risikominimierung verstanden, die eine Machtbalance gegenüber der Geschäftsleitung schaffen und Interessenkonflikte verhindern sollen. Nicht nachvollziehbar ist beispielsweise, dass der Präsident des VR kein Vollzeitmandat hat, oder dass die Ehefrau den Ehemann – ihren Vorgesetzten – «überwachen» durfte. Die Strukturen genügten allenfalls für die ehemalige «Landbank Raiffeisen», jedoch längst nicht (mehr) für eine Grossbank – Hans kann an seiner Berufsabschlussfeier nicht die Kleider tragen, die Hänschen in der ersten Primarklasse trug.

3. Systemrelevanz («Too big to fail»): Seit dem Jahr 2014 gilt Raiffeisen als systemrelevant, was bedeutet, dass die Eidgenossenschaft sie nicht in Konkurs gehen lassen dürfte, es handelt sich also um eine faktische Staatsgarantie, notabene mit Haftungsrisiken für alle Leser (und den Steuerzahler Kunz). Systemrelevante Banken müssen Notfallpläne vorlegen und aufzeigen, wie sie sich im Krisenfall zur Rettung «aufteilen» würden, und dies ist das Problem. Die Genossenschaften sind nämlich miteinander so vernetzt, etwa durch die Statuten, dass eine «Aufteilung» (und Rettung) schlicht unmöglich wäre, anders als bei AGs. Deshalb müsste das «Genossenschaftsmodell Raiffeisen» ernsthaft hinterfragt werden.

Ich habe über Jahre hinweg nicht verstanden und öffentlich kritisiert, dass die Finanzmarktaufsichtsbehörde Finma nie eingegriffen hat, insbesondere beim VR und bei der Corporate Governance (es schien mir, als hätte die «Sympathiebank» Raiffeisen fast einen behördlichen Freipass). Und wie will die Finma bei einem Genossenschaftskonzern wie Raiffeisen die systemrelevanten Risiken absichern? Ehrlich gesagt, ich habe schlicht keine Ahnung.

Mein Geständnis am Schluss: Ich bin ein Fan von Raiffeisen, nach wie vor. Die umfassende Erneuerung des VR stellt eine Chance dar. Wird sich dadurch etwas ändern? Ich habe meine Zweifel. Da der heutige VR die eigenen Nachfolger aussucht, dürfte klar sein, dass keine echte Kritik (beispielsweise an den Vorgängern) aufkommen könnte. Deshalb sollte ein VR-unabhängiges Gremium die neuen Mitglieder vorschlagen, und es brauchte auch Querdenker, die das heutige «Genossenschaftsmodell» grundsätzlich infrage zu stellen wagen. Wir werden sehen, ob Raiffeisen Schweiz den Mut hat – der Fan Kunz hofft es!