PRO/KONTRA

Hat Dada heute noch eine Bedeutung?

Das «Cabaret Voltaire» im Zürcher Niederdorf ist die Wiege des Dadaismus.

Das «Cabaret Voltaire» im Zürcher Niederdorf ist die Wiege des Dadaismus.

Die Stadt Zürich feiert 100 Jahre Dada ausgiebig. Im Pro/Kontra-Beitrag sagt Philipp Meier, Ex-Kurator des Zürcher Dada-Hauses, warum das Dada noch immer von Bedeutung ist. Dagegen hält Autor Max Dohner: Das Dada sei entzaubert.

Die Stadt Zürich feiert 100 Jahre Dada ausgiebig. Als ob das mehr oder weniger zufällige Zusammentreffen einiger Emigranten am gleichen Ort einem Genius Loci zuzuschreiben sei. Ausserhalb Zürichs aber ist man so frei, zu fragen: Dada – who cares?

Ex-Kurator des Zürcher Dada-Hauses (Cabaret Voltaire)

Philipp Meier

Ex-Kurator des Zürcher Dada-Hauses (Cabaret Voltaire)

PRO von Philipp Meier, Ex-Kurator des Zürcher Dada-Hauses: «Nur ein paar gesellige Sauf-Abende – mit Weltruhm»

Jeder, der sich dazu äussert, weshalb Dada nicht relevant ist, hat bereits mit dem ersten Wort seiner Widerrede verloren

Alleine, dass sich der Dada-Kritiker hundert Jahre später dazu bemüssigt fühlt, zeigt, dass mehr hinter Dada steckt als nur ein paar gesellige Cabaret-Shows mit lallendem Bühnen-Gestammel. An was können wir uns überhaupt noch erinnern, das hundert Jahre zurückliegt? An den Ersten Weltkrieg und vielleicht noch an den Landesstreik. Aber sonst? So gesehen muss Dada eine ganz grosse Nummer gewesen sein ;-)

Was macht den Erfolg von Dada aus? Wieso schaffte es beispielsweise die Dadaistin der ersten Stunde – Sophie Taeuber-Arp – auf die 50-Franken-Note? Das Fundament dazu legte in erster Linie die sehr heterogene Zusammensetzung der Kunstbewegung. Das explosive Gemenge aus Religion (Hugo Ball), Gestaltung (Sophie Taeuber-Arp), Kunst (Hans Arp) und Borderline-Aktivismus (Emmy Hennings) führte zu einem Avantgarde-Beben mit global ausstrahlenden Schockwellen.

Genau diese heterogene Zusammensetzung führte dazu, dass sich bis heute die unterschiedlichsten Menschen davon inspiriert fühlen – und das weltweit! Ob nordamerikanischer Literat, asiatische Musikerin, afrikanischer Polit-Kunst-Aktivist, südamerikanische Architektin, Schweizer Berufsschullehrer – viele Kreative beziehen sich insbesondere dann gerne auf die Dadaisten, wenn es ans «Eingemachte» geht.

Eine Kritik an Dada lasse ich gelten. Nämlich diejenige, dass dem Dadaismus von damals heute jegliche Explosivität fehlt – und er deshalb sogar zur Zierde einer schicken Stadt dienen kann. Wirklich relevant und auch unangenehm würde Dada erst wieder durch eine Art «Übersetzung».

Welche Parallelen gibt es zwischen 2016 und 1916? Es gibt immer noch Kriege, die Euro-Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Wie damals bleibt die Schweiz auch heute mitten im Auge eines «Konflikt-Orkans» beinahe von allem verschont. Wo aber stecken heute die kleinen Unruheherde, die unter dem Einfluss von Migration und Globalisierung Neues entstehen lassen? Wer befreit die Kunst aus den Klauen der Institutionen und des Marktes? Wenn ein paar gesellige Sauf-Abende hundert Jahre später solche Fragen aufwerfen, dann können sie nicht so einfach ignoriert werden.

Autor

Max Dohner.

Autor

KONTRA von Max Dohner, Autor: «Dada wird in Zürich gerade gaga entköppelt. Das sagt alles.»

Kein Zauber lässt sich beliebig lange erschreien, luststottern, in Bann faseln. Das wussten die Dadaisten. Nur Zürich will es nicht begreifen

«Ich habe es ja nur gut gemeint», ist die faulste Ausrede kleiner Sünder. Und die abgestandenste Rechtfertigung für Kunstklamauk. Aktuelles Beispiel: «Die Schweiz entköppeln» am Theater Neumarkt, ein läppischer Exorzismus. Nichts als das hundertste Luftloch mit der Nazi-Pappkeule. Selbst das Wort «Provokation» mag man bei dem Schwachsinn nicht mehr hören.

Nun ist niemand schuld an seinen Zwerg-Epigonen. Auch Dada nicht. Aber wo Erwachsene irgendwas, längst nicht nur Kunst, in «kindlichem Geist» veranstalten oder gemeinsam erbasteln, müssen sie wissen, dass es kindisch werden kann. «Spielerisch» kann man beginnen. Irgendwann aber muss man sich dem Ernst stellen, der im Spiel steckt. Sonst wird das zur unerträglich frommen Attitüde. Und führt schnurstracks in den Kitsch. Es gibt nichts Gutgemeintes, das nicht Gefahr liefe, in Kitsch abzugleiten. Claro, auch Dada.

Dada war mehr als bloss gut gemeint. Dada war poetisch und böse. Dazu nicht unintelligent spinnert. Gewöhnlich ein gutes Gemisch, um den Schwung aus einem berauschten Experiment mit zu nehmen und auch mal länger als nur einen Sommer lang zu tanzen. Sich künstlerisch zu festigen, Bedeutung zu erlangen.

Dada wehrte sich gegen jedes «Verfestigen». Aus dem Wissen (oder aus der Behauptung) heraus, dass Kunst nur in vulkanischem Zustand wahrhaftig sei, als Dauer-Gebrodel. Wie stets bei solchen Ideen – als Diagnose richtig, als Konsequenz falsch – verglühte auch Dada rasch. Nein, «glühen» ist das falsche Wort: Von Dada fielen verwelkt einfach die Hülsen, die bald dürren Kokons, die auch diese anti-formale Bewegung als Form brauchte. Der Zauber liess sich nicht beliebig lang erschreien, luststottern, in Bann faseln.

Die Flüchtigkeit alles Wesentlichen ist eine schmerzhafte, unausweichliche und trotzdem wieder nur banale Erfahrung. Dada eine Saison lang, bloss 1916, gaukeln zu sehen, wäre eine Erinnerung voller Unschuld und Zauber. Ohne jegliches Bauchweh. Bauchgrimmen verursacht aber diese zähe Einbalsamierung eines Kunstleichnams. Vorab in Zürich. Diese Provinz-Weltmetropole des Eklektizismus schnappt beinahe über, wenn sie mal das Gefühl hat, vielleicht ja doch Ursprung eines genuinen Kunststils zu sein, und bedeutungsvolle Kunst nicht dauernd entlehnen oder nachäffen zu müssen. So viel Gewese aber ist nicht Dada, sondern gaga.

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