Infantino nach Blatter. Die Überraschung. Ein Walliser beerbt einen Walliser und schlägt den Scheich.

Mit diesem Einstieg in die Kolumne wollte ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Sie nicht gleich wieder abspringen.

Denn – ohne der geneigten Leserschaft etwas unterstellen zu wollen – ich habe die leise Befürchtung, dass ein Frauenthema nicht gleich weit oben auf der Aufmerksamkeitsskala liegt.

Das darf mich aber nicht davon abhalten, darüber zu schreiben. Und abgesehen davon. Es muss ja nicht immer gejammert werden, gibt es doch good news. 

Am 26. Februar gehörte nämlich nicht nur der Mann, sprich Infantino, zu den Gewinnern, sondern auch die Frau – das im Fussball noch unbekanntere Wesen.

Frau bekommt im erweiterten Entscheidungsgremium, dem Exekutivrat, neu 6 von 36 Sitzen. Die Fifa-Führung wird also weiblicher.

Heute muss bloss eines von 24 Mitgliedern eine Frau sein. Wir reden hier also von einer Steigerung von 4 auf 16 Prozent. Dies ist auch das Verdienst der Australierin Moya Dodd.

Sie, die als aktive Spielerin für die australische Nationalmannschaft vor 25 Jahren ihre Flugtickets zu den Spielen noch selber bezahlen musste und sich im Hotelzimmer mithilfe des selbst mitgebrachten Reiskochers für die Spiele rüstete, hat mit viel Herzblut für die Frauenquote bei der Fifa gekämpft. Doch wohlverstanden: Es geht mir hier nicht mal um die Quote per se, sondern um das Signal.

Feminines Aussehen vor taktischem Verständnis?

Denn man kann Frauenfussball mögen oder nicht. Und ich möchte hier auf keinen Fall auf die bisweilen auch billige Debatte zum Thema eingehen.

Aber dass die männerdominierte Fifa – wie Moya Dodd betont – als 112 Jahre alte Institution erst in den 1990er-Jahren die Frauen als Teil des Spiels anerkannt hat, sagt viel.

Ich habe das nie ganz verstanden. So wie ich auch die eklatanten Unterschiede bei den Salär- und Transfersummen nicht nachvollziehen kann. (Goldjunge Gareth Bale wechselte für über 90 Millionen Euro zu Real Madrid, no further comment).

Unvergessen im Zusammenhang mit Frauenfussball ist aber vor allem Joseph Blatters Aussage von 2004, die Frauen müssten halt auf attraktivere Kleidung setzen, dann wäre die Werbewirtschaft stärker an ihnen interessiert.

Also feminines Aussehen vor taktischem Verständnis und Technik. Zuerst Hotpants, dann der Fallrückzieher. Zuerst bauchfreies Top, dann das Dribbling. Sex sells. As always. 

Mir ist vollkommen klar, dass Frauen in der Fussballwelt immer noch in der Minderheit sind. Dies zeigen auch die Zahlen der Aktiven. Aber erstens sah ich doch in meinem Austauschjahr in den USA, wie beliebt bei den Mädchen «soccer» war, erlebte auf meinen Reportagen, wie gross die Hoffnungen der brasilianischen Jungfussballerinnen sind, sehe, mit wie viel Können die Mädchen in der gemischten Fussball-Truppe meiner Jungs über den Rasen jagen. Und zweitens – und das ist das Entscheidende – geht es im Fifa-Exekutivrat ja um Führungsaufgaben.

Gianni Infantino war auch nie ein Fussball-Crack. Was ich aber auch sagen möchte: Die Fifa-Reformen haben in allen Medien für fette Schlagzeilen gesorgt.

Doch im Vordergrund standen Elemente wie beispielsweise die Amtszeitbeschränkung. Die Frauenquote wurde in den Medien kaum ausführlich erwähnt.

Mag das Frauen-Thema für einige abgedroschen, ja nervig sein, für die Gesellschaft ist es wichtig. Und wie es rund um den Fussball abgehandelt wird, ist symptomatisch für ein Phänomen.

Fussballweisheiten für Mann und Frau

Forscher der Universität Bristol haben untersucht, wie häufig Männer und Frauen in den Medien erwähnt werden.

Das Resultat ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten: Die Berichterstattung von «Forbes» etwa bezog sich in 81 Prozent der Artikel auf Männer, jene von BBC in 80,9 Prozent.

Die Ironie der Geschichte: Mediales oder öffentliches Echo fand die Studie kaum. Schulterzucken statt Aufhorchen.

Dafür meldeten sich Kritiker prompt zu Wort. Sie zweifelten das Software-Programm an. Künstliche Intelligenz habe doch Grenzen. Oder unter welche Kategorie falle denn in dieser Untersuchung Conchita Wurst?

Ja, ja ... so weit sind wir also gekommen. Oder besser: so wenig weit. Zum Glück gibt es ja wunderbare Fussballweisheiten für Mann und Frau.

Rettungsanker in allen Situationen. (Das meinte ich jetzt ironiefrei, Ehrenwort) Der einstige englische Fussballstar Bobby Ronson meinte mal: «Die ersten 90 Minuten sind die schwersten.»

Will heissen: Nur wer hartnäckig dranbleibt, kann auch Tore schiessen. Und wenn es erst in der Nachspielzeit ist. Auch das zählt am Ende.