Ausgerechnet eine Rakete wählte der Gewerbeverein Schöftland zum Sinnbild, als er im September seinen 100. Geburtstag feierte. «Hundert Gewerbejahre voller Schubkraft» stand als Motto über dem Programm. Wie unternehmungslustig die Leute dort drauf sind, kann ich bezeugen; ich war zu einer kleinen Festrede eingeladen.

Eine Rakete! Wo es doch heute gross in Mode ist, über Beschleunigung zu meckern. Das Leben laufe so auf Vollgas, wir kämen nie zur Ruhe, nicht zur Besinnung, nicht zum wahren Genuss. Überall klagen die Entschleunigungs-Apostel an: den Stress, den Tempodruck, die Turbo-Gesellschaft. Man sehnt sich – siehe 50er-Note: Gleitschirmfliegen & Pusteblume – nach der reibungslosen Existenz. Nach einer Welt als ErlebnisParcours ohne Widerstand. Logisch, viele im Land sind müde. Vier von zehn seien gar «erschöpft», verbreitet die Job-Stress-Studie 2016.

Der Handwerker, dein Meister

Die Handwerker in Schöftland geben lieber Gas. Wozu sollten sie in Panik geraten wegen der Digitalisierung? Sie überleben den digitalen Wandel wohl erfolgreicher als andere. Der Schreiner, bei dem ich vorbeischaute, ist heute schon vor allem Programmierer; er programmiert die Maschinen, die das Produkt dann fertigen. Sieht so unsere künftige Rolle aus? Der Mensch bedient die Maschine? Nein, sagt der Schreiner, er sieht sich als Meister, nicht als Diener der Maschine, seine Überlegenheit komme aus der traditionell handwerklichen Ausbildung, mit all dem Wissen über Holz, dem Können am Holz. Der Mensch als kreativer Designer, die Maschine als dienstbare Ausführerin. Diese Symbiose Mensch / Maschine leuchtet am Beispiel des Schreiners ein.

Man denkt ja leicht, unter die Räder der Digitalisierung geraten eher einfache Tätigkeiten. 47 Prozent unserer beruflichen Tätigkeiten werden demnächst durch Roboter verrichtet, sagt die sogenannte Oxford-Studie. Aber welche? Die allermeisten Jobs, in denen der Mensch überflüssig werden soll, gehören Männern. Aus Sicht der Autoren Michael A. Osborne und Carl Benedikt Frey ist es vorbei mit dem schweissenden, schraubenden, lötenden Mann, vorbei mit dem Holzfäller und Lastwagenfahrer. Auch als Telefonverkäufer, Rohstoffhändler, Kranführer hat er keine Zukunft. All die Tätigkeiten seien zu einfach, als dass sie nicht zu Maschinen hinüberwechseln könnten.

Frauen dagegen arbeiten «in chaotischeren, weniger strukturierten Umgebungen; da sind andere Kompetenzen gefragt, vor allem die Fähigkeit, Gefühle und Absichten anderer zu erkennen». Was keine neue These ist. Auch das Buch «The End of Men» von Hanna Rosin sieht den Mann als Verlierer: Die neue Welt verlange weniger physische Kraft und Geradeausdenken, eher soziale Intelligenz, kommunikative Überzeugung, situative Klugheit.

Der Mann muss trotzdem nicht abdanken. Als Coiffeur wird er ewig gebraucht (wer will sich den Kopf von einer Blechbüchse waschen lassen?) Als Lastwagenfahrer wird er halt zum Drohnen-Piloten. Und der Elektriker bleibt der King, denn wenn der Akku nicht auf Schritt und Tritt geladen werden kann, verpufft der ganze digitale Zauber. Handwerker haben die Industrialisierung überlebt, auch die Computerisierung, nun arrangieren sie sich – siehe Schreiner – mit dem digitalen Werkzeug und mit dem Internet der Dinge, dieser Vernetzung von Kühlschrank und Migros und Krankenkasse.

Anspruchsvolle leben riskanter

Sogenannt «anspruchsvollere» Berufe leben riskanter. Ein Arzt zum Beispiel, der nur allgemeines Studienwissen auf Patienten herunterbricht, ist schon heute überflüssig. Das schafft Dr. Watson besser. Der aktuelle IBM-Star schlägt beim Diagnostizieren von Krebserkrankungen durchschnittliche Onkologen klar; er hat den besseren Speicher, alle einschlägigen Studien jederzeit abrufbar, er wird nie müde, ist nie depressiv, nie verkatert, nie verliebt, kurz, er ist perfekt. Der Arzt darf sich dann den (entscheidenden) unperfekten Aspekten widmen.

Stets definierte sich der Mensch über seine rationale Intelligenz. Jetzt bauen wir Maschinen, die uns genau darin überflügeln. Daraus folgt: Je rationaler ein Beruf funktioniert, desto leichter ist er ersetzbar. Braucht er dagegen Hand und Fuss und Herz, hebt er ab – mit digitalem Schub. Vorteil Handwerk.