Analyse

Haiti: Ewig Unglück, kein Entrinnen

Zerstörung auf allen Seiten: In Haiti sind wegen des Hurrikans "Matthew" viele Häuser zerstört worden.

Zerstörung auf allen Seiten: In Haiti sind wegen des Hurrikans "Matthew" viele Häuser zerstört worden.

Warum trifft es immer Haiti? Die Analyse über das «Herz der Finsternis» in den Antillen.

Es scheint, als sei Haiti verdammt zur ewigen Spirale von Katastrophe, Hilfe, Hoffnung, Enttäuschung und neuer Katastrophe. Hurrikan Matthew bestätigte alle Vorurteile: ein abwesender Staat, umtriebige Hilfsorganisationen und immer wieder Katastrophen, die weite Teile des Landes ins Unglück stürzen. Gut sechs Jahre ist das verheerende Erdbeben jetzt her, das die Inselrepublik am 12. Januar 2010 dem Erdboden gleichgemacht hatte. Die Erdstösse dauerten 37 Sekunden und legten das ohnehin schon geschundene Land in Schutt und Asche. 220 000 Menschen starben, 2,3 Millionen Haitianer wurden obdachlos.

Dieses Mal traf es den Südwesten. Zehntausende Menschen machte der Wirbelsturm obdachlos. Die Unglücksregion ist fast komplett vom Rest der Republik abgeschnitten, weil Brücken einstürzten und Strassen unpassierbar sind. Auch die Mobilfunknetze fielen aus. Der Leiter der UN-Mission in Haiti, Mourad Wahba, sprach vom grössten Naturdesaster seit dem Erdbeben von 2010. Die Schäden an der Infrastruktur werfen das Land wieder um Jahre zurück. Es folgte der bekannte Reflex: Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt starten Soforthilfe, rufen zu Spenden auf. Und dann folgt meistens der erklärende Satz, dass Haiti eine schwache Infrastruktur habe und die Folgen des Bebens von 2010 noch nicht bewältigt seien. Vielen Menschen retteten allerdings jene wetterfesten Notunterkünfte das Leben, die von den Hilfsorganisationen vor sechs Jahren gebaut worden waren. Ohne internationale Hilfe ist Haiti bis heute nicht lebensfähig. Haiti ist ein Stück Afrika in Lateinamerika.

Und der Staat? Es gibt seit Februar keinen verfassungsmässigen Präsidenten. Übergangsstaatschef Jocelerme Privert blieb während des Sturms in Deckung. Am Sonntag sollte nach mehreren Anläufen eigentlich ein neuer Präsident gewählt werden. Aber der Wahlrat CEP sagte die Abstimmung auf unbestimmte Zeit ab. Boykott, Gewalt und Betrug hatten verhindert, dass Präsident Michel Martelly am 7. Februar von einem gewählten Nachfolger abgelöst wurde. Die politische Klasse in Haiti ergeht sich in politischen Scharmützeln und bereichert sich schamlos, anstatt für den Aufbau des Landes zu sorgen. Ein wichtiger Faktor, warum Haiti bis heute nicht auf die Füsse gekommen ist.

Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Sechs von zehn Haitianern leben in extremer Armut mit weniger als einem Euro am Tag. Arbeitslosigkeit und Analphabetismus liegen bei 60 Prozent, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei rund 700 Dollar, viermal niedriger als in der benachbarten Dominikanischen Republik. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt Haiti Platz 168 von 189 Ländern. Armut, Anarchie, Verwahrlosung, Naturkatastrophen, Seuchen und die unfähige, zerstörerische politische Klasse machen das Land zu einem der ärmsten Flecken auf dem Planeten. Ein Kreislauf, sagen Entwicklungshelfer und Diplomaten, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Die Rückständigkeit ist dermassen gross, dass zwischen den ständigen Naturdesastern und den politischen Krisen kaum ein Aufbau von Strukturen möglich ist.

Lediglich äusserlich ist nach dem Beben ein Fortschritt erkennbar. Port-au-Prince ist moderner geworden. Hotels wurden wieder auf- und neu gebaut. Supermärkte, Strassen, Büro- und Geschäftsgebäude entstehen. Böse Zungen behaupten, das sei die Infrastruktur, die für das Heer von Helfern notwendig sei. Sogar ein erster vorsichtiger Tourismus entsteht wieder und zieht bisher vor allem die Haitianer in der Diaspora an. Aber auch zerstörte staatliche Einrichtungen wurden wieder aufgebaut.

Insgesamt aber sind die Geber weit hinter ihren Versprechen zurückgeblieben. Die haitianische Regierung hat nur fünf Prozent der auf der New Yorker Geberkonferenz vom 28. März 2010 zugesagten Gelder direkt bekommen. Nur die Hälfte der damals auf einen Zehn-Jahres-Zeitraum zugesagten Hilfsmittel von 9,9 Milliarden Dollar ist überhaupt geflossen. Auch das ist ein Grund, weshalb das Land noch immer am Boden ist. Zudem kann die internationale Hilfe manchmal den Tod bringen. In Form der Cholera, aller Wahrscheinlichkeit nach eingeschleppt von nepalesischen Blauhelmsoldaten nach dem Beben. Rund 10 000 Menschen starben aufgrund der Epidemie. Vor allem in der Regenzeit kommt es auch heute noch zu Neuerkrankungen. Im August gestand die UNO erstmals indirekt eine Mitschuld an dem Ausbruch der Cholera ein.

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